Hessens Tafeln am Limit: Warum viele Einrichtungen über der Belastungsgrenze arbeiten
Sonntag, 11.01.2026
von Redaktion Kinzig News
HESSEN - Die Situation für einkommensschwache Haushalte in Hessen verschärft sich zusehends. Während die Zahl der Menschen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, ein Rekordhoch erreicht, verzeichnen die Hilfsorganisationen einen deutlichen Rückgang an Warenspenden. Viele Einrichtungen arbeiten mittlerweile über ihrer Belastungsgrenze.
Wie Hessenschau.de berichtet, hat sich die Anzahl der unterstützten Personen bei den landesweit 58 Tafeln seit dem Jahr 2022 auf rund 110.000 verdoppelt. Dieser massive Anstieg wird vor allem auf die Folgen des Ukraine-Krieges und die damit verbundene Inflation zurückgeführt.
Effizientere Supermärkte führen zu Spendenrückgang
Die Kapazitäten sind vielerorts erschöpft: Inzwischen sieht sich jede dritte Tafel in Hessen gezwungen, neue Hilfesuchende abzuweisen. Auch die Frankfurter Tafel, die monatlich etwa 30.000 Menschen versorgt, musste bereits im vergangenen Jahr einen Aufnahmestopp verhängen.
Ein Hauptproblem für die Helfer ist der Rückgang der Lebensmittelspenden um durchschnittlich 30 Prozent. Die Gründe hierfür liegen paradoxerweise in einer verbesserten Effizienz des Einzelhandels. Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz optimieren Supermärkte ihre Warenbestände, sodass weniger Überschüsse entstehen. Zudem werden Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums vermehrt mit Rabatten direkt an Kunden verkauft, statt sie wie früher an die Tafeln abzugeben.
Finanzielle Unterstützung und politische Forderungen
Dieser Wandel trifft nicht mehr nur die klassisch Bedürftigen. Auch Vereine wie „Essen für Alle“ in Groß-Gerau beobachten, dass vermehrt Menschen aus der Mittelschicht das Angebot nutzen, da die gestiegenen Lebenshaltungskosten den finanziellen Spielraum extrem einengen.
Um die strukturellen Probleme abzufedern, greift das Land Hessen den Einrichtungen finanziell unter die Arme. Laut Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) flossen im Jahr 2025 über 420.000 Euro an Fördergeldern. Diese Mittel werden primär für Logistik, Kühlvorrichtungen oder den Zukauf von Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln verwendet.
Französisches Modell als Leitfaden?
Trotz dieser Hilfen fordern Vertreter der Tafeln weitergehende politische Weichenstellungen. Diskutiert wird dabei oft das französische Modell, welches Lebensmittelketten steuerliche Vorteile bei Spenden einräumt und die Verschwendung von Nahrungsmitteln unter Strafe stellt.
In Deutschland setzt die Politik bisher überwiegend auf freiwillige Kooperationen zwischen Ministerien und Großkonzernen zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen. (red)