SINNTAL

Sinntal - ein kreativer Hotspot: Künstlerin Anna Zeis-Ziegler im Interview

Künstlerin Anna Zeis-Ziegler
Fotos: privat
von WALTER DÖRR


Montag, 14.03.2022

Kreative Köpfe sucht man normalerweise in Großstädten, wie etwa Berlin oder Frankfurt. Wir fanden eine Top-Kreative im idyllischen Sinntal: die Designerin, Illustratorin und Künstlerin Anna Zeis-Ziegler. Im KunstKaufLADEN Tacheles in Hanau, dem multifunktionalen Pop-up-Store der städtischen Hanau Marketing GmbH (HMG) und dem Fachbereich Kultur, der nach einem „Sortimentswechsel“ und neuen Künstlern am 16. März wieder öffnet, stellt Anna Zeis-Ziegler aus. Walter Dörr hat sie interviewt und stellt ihre Arbeiten vor.

Wie sind Sie zu Kunst und Design gekommen?

Wie sicher jeder Gestalter, habe ich mich schon als Kind mit dem Zeichnen und Malen beschäftigt. Buchillustrationen habe ich geliebt und konnte stundenlang Bücher anschauen, Geschichten lesen. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass Bilder und Geschichten Emotionen auslösen. Das wollte ich auch können: Menschen berühren, Positives bewirken. Das Studium „Visuelle Kommunikation“ schien wie geschaffen für meine Ambitionen. An der FH Mainz startete ich. Schwerpunkt wurde die Buchgestaltung bei Prof. Wilberg. Es ging um für mich spannende Themen, wie Layout, Fotografie, Illustration, Psychologie, Kunstgeschichte… Aber es fehlte mir der künstlerische Aspekt. In der Wiesbadener freien Kunstschule fand ich den in zwei jungen Dozenten: Thomas Duttenhöfer (Zeichnung, Skulptur, Darmstadt), Eberhard Riedel (Malerei, Wiesbaden).

Wie ging es dann weiter?

Nachdem ich im Studium vieles ausprobieren konnte, landete ich anschließend in einer Frankfurter Werbeagentur. Das war natürlich wieder eine ganz andere Welt. Kreative Gestaltung mit der Zielsetzung ein Produkt zu inszenieren. In einem engagierten Team hat das auch viel Spaß gemacht. Aber nach einer zweiten Station in einer Agentur bot sich mir die Chance aufs sogenannte „Land“ zu ziehen. Aufgewachsen in ländlicher Umgebung im Westerwald, zog es mich von Anfang an wieder in zurück in eine natürlichere Umgebung, weg von Frankfurt. In Sinntal habe ich eine neue Heimat gefunden, und konnte mir den Traum erfüllen, freiberuflich als Designerin und Illustratorin tätig zu sein. Und das bot mir die unterschiedlichsten Betätigungsfelder. Endlich konnte ich meine Fähigkeiten in verschiedenen Projekten einbringen.

Was waren das für Projekte?

Da gab es das Regionale Zentrum für Wissenschaft, Kunst und Kultur (RWZ), ursprünglich ein Projekt der FH Fulda, mit dem Ziel der Regionalförderung, das ich gestalterisch begleiten durfte. Von der Geschäftsausstattung des neu errichteten Zentrums in Hünfeld, über Konzept zur Regionalzeitung, Messen, Katalog regionaler Produzenten usw. Oder das Kali-Bergbau-Museum in Heringen, dessen Ausstellungskonzept ich in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Leitern entwickelt habe. Ein Projekt, das mir sehr am Herzen lag, was aber leider seinerzeit nicht realisiert wurde, war die Neugestaltung des Rosenmuseums in Steinfurth. Da ging es leider nicht über die Entwurfsphase hinaus. 

Für den Neubau des Kindergartens in Altengronau, unser Nachbarort, habe ich in Zusammenarbeit mit Bürgermeister Carsten Ullrich, Kindergarten-Team und Architekt das Material- und Farbkonzept zur Gestaltung für Fassade und Innenausbau entwickelt. Namensfindung und Logogestaltung wirkten identitätsstiftend für alle Beteiligten. Eine besondere Aufgabe war dann die Fassadenmalerei und die Wandmalerei im Innenbereich. Fassadenmalerei konnte ich auch einsetzen, um der Burg Apotheke in Gössenheim ein herausragendes Gesicht zu geben. Es wurde zum „Heilpflanzenhaus“, das in der ganzen Region bekannt ist. Eine Arbeit, in die ich viel Herzblut gesteckt habe, ist die Wand-Gestaltung für die Kinderklinik Esslingen. In Zusammenarbeit mit dem Chefarzt der Kinderklinik Dr. Carl-Joachim Partsch konnte ich großflächige Wandgestaltung zunächst für die Notaufnahme, später auch für die Station entwickeln. Die Prämisse von Dr. Partsch war: „Wir brauchen kindgerechte Bilder, damit unsere jungen Patienten vergessen, dass sie noch zum Doktor müssen“. „Mogli“, der Held aus dem Dschungelbuch wurde zur tragenden Figur in der Gestaltung.

Haben Sie auch eigene Projekte entwickelt?

Ja, aus der Beschäftigung mit der Fassaden- und Wandmalerei ist die Wandgestaltung für Innenräume mit digitalen Lösungen entstanden. Ausgehend von Motiven zur Schwimmbad-Gestaltung in Zusammenarbeit mit Schäffer & Peters, Mühlheim a. Main. Hier werden die Wandmotive digital auf Resopal oder beispielsweise Tapetenmaterial gedruckt. Was völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Ich habe eine digitale Motivserie entwickelt.

Der Digitaldruck lässt sich auch im Bereich Textildesign einsetzen. Verschiedenste textile Materialien können individuell bedruckt und so zu modischen Unikaten verarbeitet werden. Aus dieser technischen Möglichkeit heraus ist mein Label „Kraut-Rock“ entstanden: Freche Dirndl- und Landhaus-Modelle mit Regionalbezug. „Heimatfeeling zum Anziehen.“ Beispiele: Das „Gerippte“ stand Pate bei der Entwicklung des Models „Apfelwein“. Und die Illustration der Schachblume, einzigartige Pflanze aus der Region, wurde zum feinen Dekor.

Spielte der Bereich Werbung und Marketing keine Rolle mehr, nachdem Sie freiberuflich gearbeitet haben?

Oh doch. Auch mit Mitteln der klassischen Werbung konnte ich viele Produkte und Dienstleistungen, die ich gut finde, in ihrer Qualität darstellen und einen eigenen Kundenstamm aufbauen. Außerdem blieb die Zusammenarbeit mit Agenturen erhalten, und ich wurde für Projekte angefragt, wie die Entwicklung von Internet-Tools. Zum Beispiel ACCU-Check (Betreuung von Diabetikern), Milupa (Mama-Coaching für junge Mütter), oder ein Internet-Spiel für Kinder zum guten Umgang mit gesunder Ernährung (Die Schmatz-Insel), um nur einige zu nennen. Klassische Werbung, wie Konzeptentwicklung und Produktausstattung für eine kolumbianische Produktserie „Colombia Tropical“, oder Anzeigenkampagnen für verschiedene Firmen gehörten natürlich ebenso dazu. Etikettengestaltung, Logo-Entwicklung, Packungsgestaltung). Außerdem konnte ich einen Arbeitsschwerpunkt, den ich sehr liebe, immer wieder einbringen: die Illustration. Ob Federzeichnung, Aquarell, Öl-/Acryl-Malerei, oder digitale Vektorgrafik. Ein paar Beispiele: Chamarré, Anzeigenmotiv, Federzeichnungen Lünebest und Holiday Inn, Plakatmotive, Ölmalerei im Stil Edward Hoppers, für Holiday Inn Freizeitpark, Plakatmotiv Airbrush, MEV-Verlag, ART-CLIPs, Vektorgrafik, Image-Figur Odenwald-Drache in Aquarell, Verlag Spiritbooks, Buchillustrationen, „Mit Power durch die Wechseljahre“, Vektorgrafik, Meyer’s Kinderlexikon.

Sie sprachen davon, dass die Kunst Ihnen im Studium eine zu unbedeutsame Rolle gespielt habe. Haben Sie sich künstlerisch auch weiter betätigt?

Aber natürlich. Da gab es zuerst einen Zusammenschluss von engagierten Künstlern rund um Thomas Duttenhöfer und Eberhard Riedel. Wir haben Räume gemietet in einer ehemaligen Kirche in Wiesbaden und uns dort regelmäßig getroffen zum Aktzeichnen, plastischen Arbeiten oder Drucken. Der Austausch war sehr hilfreich und fruchtbar. Ich habe mich zunehmend mit Ölmalerei, Portraits beschäftigt. Es sind einige mir wichtige Arbeiten entstanden…. (Selbstportrait, Öl auf Leinwand, 30x40 cm), Portrait, Ölmalerei auf Holz, 30x40 cm). Zunehmend hat sich mein Schwerpunkt in der Malerei mehr auf die Farbe verlagert. 

Ich habe mir die Fragen gestellt: was macht Farbe mit uns? Welche Wirkungen haben sie, und warum? Abstrakte Arbeiten sind entstanden. Dazu habe ich auf konkav gewölbte Holzplatten mit Acryl gearbeitet, um die Leuchtkraft zu erhöhen und das Licht der Farben zum Betrachter zu lenken. („Basis“, konkave Holzplatte, Acryl, Blattgold, 70x100 cm „Solarplexus“, konkave Holzplatte, Acryl, Blattgold, 70x100 cm, Ohne Titel, konkave Holzplatte, Acryl, 70x100 cm, „Vitales Grün“, Acryl, 100x100 cm, Lichtquelle, Acryl mit Blattgold, 100x100 cm). Ein Kunstprojekt, das mir wichtig war, ist „ARTIKULATION“, eine Serie von Arbeiten in unterschiedlichen Techniken, in denen ich Lyrik von Walter Hofmann malerisch interpretiert habe. In seinem Heimatort Allendorf im Vogelsberg, war die Erstpräsentation mit Lesung. Neben den malerischen und zeichnerischen Arbeiten sind auch Skulpturen entstanden, wie einige Portrait-Büsten in Ton. Oder Arbeiten mit Styropor und Beton als Werkstoff.

An welchen Ausstellungen haben Sie teilgenommen?

Zunächst waren es Atelier-Ausstellungen für ein kleineres Publikum. Anschließend folgten die Einzel- und Gruppenausstellungen.

1991 Wächtersbacher Kunstsalon, Bürgerhaus Wächtersbach

1994 Einzelausstellung im Rahmen des Kulturaustauschs, Istra, bei Moskau

1997 Künstlerinnen in der Region, Fleischmann-Gebäude, Fulda

2002 ARTIKULATION, Gedichte von Walter Hofmann malerisch interpretiert, Bürgerhaus Allendorf

2007 „Bilder, die die Seele heilen“, Galerie Artäcker, Hessdor

2007 Weihnachtsausstellung im Alten Bahnhof, Bad Orb

2014 Einzelausstellung im Zendo am Saupurzel, Karlstadt

2017 „Jedes Gemälde beginnt mit dem ersten Strich“, Grimm-Museum Steinau

2020 Kunst-Wettbewerb der Stadt Wächtersbach.

Aktuell wurde ich zu meiner großen Freude zur Teilnahme am von der Stadt Hanau initiierten „Kunstkaufhaus Tacheles“ eingeladen. Mit dieser im Juni 2021 gestarteten, erfolgreichen Aktion fördert die Stadt Hanau Künstler des Main-Kinzig-Kreises. Tacheles eröffnet wieder am 16. März 2022.

Welches Fazit ziehen Sie?

Zusammenfassend würde ich sagen: es war die beste Entscheidung den Lebens- und Arbeitsschwerpunkt zu verlagern und in dieser wunderschönen Landschaft eine neue Wirkungsstätte zu finden. Was ich vermisse ist ein wenig der Kontakt zu Gleichgesinnten, zu Künstlern aus der Region. Über neue Kontakte in diesem Sinne würde ich mich sehr freuen.