FULDA / MKK
Impuls von Stefan Buß: "Getragen – und doch stehend"
Foto: Hendrik Urbin/KN
Samstag, 02.05.2026
Der Künstler Giovanni Battista Cima (1460 – 1517) hat ein Marienbild geschaffen, auf dem wir auf den ersten Blick etwas Vertrautes entdecken: Maria mit dem Jesuskind. Ein Motiv, das wir aus zahllosen Darstellungen kennen. Und doch lädt uns dieses Bild ein, genauer hinzusehen.
Jesus liegt nicht auf dem Arm seiner Mutter, er sitzt nicht schlafend auf ihrem Schoß. Er steht. Noch klein, noch kindlich, und doch aufgerichtet. Maria hält ihn – sanft, aufmerksam, schützend –, aber sie hält ihn nicht fest. Sie trägt ihn nicht allein. Das Kind steht selbst.
Dieses Stehen des Jesuskindes ist mehr als eine körperliche Haltung. Es ist ein Zeichen. Ein leiser Hinweis darauf, wer dieses Kind ist und welchen Weg es gehen wird.
Maria ist ganz Mutter. Ihr Blick ist ruhig, gesammelt, vielleicht auch nachdenklich. Sie weiß: Dieses Kind gehört nicht nur ihr. Sie begleitet es, sie schützt es, aber sie kann seinen Weg nicht bestimmen. Ihr Ja zu Gott war ein Ja zum Loslassen.
Wie schwer das ist, wissen alle, die Verantwortung tragen: für Kinder, für andere Menschen, für Aufgaben im Leben. Wir möchten halten, sichern, bewahren. Doch Leben wächst nicht im Festhalten, sondern im Begleiten.
Jesus steht – noch gehalten, aber schon eigenständig. In diesem Bild begegnen sich Geborgenheit und Freiheit. Maria zeigt uns eine Haltung des Glaubens: Sie vertraut darauf, dass Gott trägt, auch dort, wo ihre eigenen Hände eines Tages nicht mehr reichen.
Und das Kind? Es steht uns zugewandt. Verletzlich und doch entschlossen. In ihm wird sichtbar: Gott kommt nicht als Macht, nicht als Herrscher, sondern als einer, der den aufrechten Gang des Menschseins lernt. Gott macht sich klein, um uns groß zu machen.
Vielleicht erkennen wir uns selbst in diesem Bild wieder. Manchmal sind wir wie Maria: Haltend, sorgend, zweifelnd, hoffend. Manchmal sind wir wie das Kind: Noch unsicher, noch angewiesen – und doch gerufen, aufzustehen, unseren Platz einzunehmen, Verantwortung zu übernehmen.
Dieses Bild sagt uns: Du darfst gehalten sein. Und du darfst stehen.
Glaube bedeutet nicht, für immer getragen zu werden. Glaube bedeutet, aus der Geborgenheit heraus den Mut zu finden, aufzustehen – im Vertrauen darauf, dass Gott uns nicht fallen lässt. So lädt uns das Bild ein, heute neu zu fragen: Wo halte ich zu fest? Wo darf ich loslassen? Und wo bin ich selbst gerufen, aufzustehen – getragen von Gottes Liebe?