PFUNGSTADT
Warum dieser über 450 Jahre alte Baum der Deutschen Bahn weichen muss
Foto: Sabine Gabriel
Samstag, 02.05.2026
Die Pfungstädter Rüster ist weit mehr als ein alter Baum. Sie gilt als eines der markantesten Naturdenkmale der Stadt und steht seit Jahrhunderten bei Hahn in der Nähe der A67. Mehr als sechs Meter Stammumfang und eine Höhe von rund 23 Metern werden für den Baum genannt.
Nun steht fest: Die alte Ulme muss der geplanten Bahn-Neubaustrecke Frankfurt–Mannheim weichen. Schon 2021 war klar, dass die neue ICE-Trasse genau dort verlaufen soll. Damals hatte die Bahn noch eine aufwendige Rettung geplant.
Ein Baum mit ungewöhnlicher Geschichte
Die Rüster, wie Ulmen im Volksmund auch genannt werden, hat in Pfungstadt längst Symbolwert. Sie soll rund 450 Jahre alt sein und wird in der Region als besonderer Anlaufpunkt beschrieben. Ihr Standort liegt in der Flur „Hinter der Steinmauer“ nahe dem ehemaligen Autobahnrastplatz.
Auch ihre Schäden erzählen Geschichte. Einer Überlieferung zufolge wurde der hohle Stamm 1952 durch ein Feuer stark beschädigt. Der Hohlraum wurde später ausgemauert, um den Baum zu stabilisieren.
Rettung des Originals offenbar nicht möglich
Dass der Baum jetzt trotzdem verschwinden muss, macht den Fall besonders bitter. Eine einfache Verpflanzung eines solchen Baumveteranen ist praktisch kaum realistisch. Bei einem mehrere Jahrhunderte alten, hohlen und vorgeschädigten Baum wäre der Aufwand enorm, das Risiko des Scheiterns ebenso.
Die eigentliche Rettung setzt deshalb offenbar an anderer Stelle an: Nicht der alte Stamm soll dauerhaft erhalten bleiben, sondern seine Linie. Nach dem Bericht der hessenschau soll die Ulme über Nachkommen weiterleben.
Bahnprojekt greift in Natur ein
Die neue Strecke Frankfurt–Mannheim gehört zu den großen Bahnprojekten in Südhessen. Sie soll eine der stark belasteten Verbindungen im deutschen Schienennetz entlasten. Solche Eingriffe in die Natur sind nach Angaben der Bahn unvermeidbar; im Gegenzug seien Ausgleichsmaßnahmen gesetzlich vorgeschrieben. Für die Neubaustrecke sind demnach Naturschutzmaßnahmen auf rund 700 Hektar vorgesehen.
Für Pfungstadt bleibt der Fall dennoch ein sichtbares Beispiel dafür, was Infrastrukturplanung konkret bedeuten kann: Nicht nur Flächen, sondern auch gewachsene Erinnerungsorte geraten unter Druck.
Mehr als nur ein Baum
Die Rüster steht damit für einen klassischen Konflikt: Verkehrswende und Bahnausbau einerseits, Naturdenkmal und lokale Identität andererseits. Dass die Ulme über Ableger oder Nachpflanzungen weiter bestehen soll, ist ein Kompromiss. Er ersetzt aber nicht den Verlust des alten Baums selbst.
Für viele Menschen in Pfungstadt dürfte deshalb beides zugleich gelten: Die Bahnstrecke mag verkehrspolitisch wichtig sein. Dass ein rund 450 Jahre alter Baum dafür verschwindet, bleibt trotzdem ein Einschnitt. (red)