HESSEN

"Ein Drogerieregal ersetzt keine heilberufliche Verantwortung"

Wie geht es weiter mit den hessischen Apotheken?
Foto: ABDA
von Redaktion Kinzig News


Donnerstag, 11.06.2026

Die Überlegungen des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), die Zahl der Apotheken deutlich zu reduzieren und deren Aufgaben künftig verstärkt durch Drogeriemärkte, Versandhandel, ärztliche Arzneimittelabgabe sowie wenige Regionalapotheken mit Fahrdiensten abzudecken, stoßen auf massiven Widerstand.

Der Hessische Apothekerverband (HAV) weist die Vorschläge entschieden zurück und warnt vor einer Schwächung der wohnortnahen Gesundheitsversorgung.

Aus Sicht des Apothekerverbandes greift die Diskussion deutlich zu kurz. Wer Apotheken lediglich als Orte zur Ausgabe von Arzneimittelpackungen betrachte, verkenne ihre tatsächliche Rolle im Gesundheitswesen.

Täglich übernehmen Apothekerinnen und Apotheker zahlreiche Aufgaben, die weit über die reine Medikamentenabgabe hinausgehen. Dazu gehören die Prüfung von Verordnungen, Dosierungen und Wechselwirkungen sowie die Kontrolle möglicher Risiken bei der gleichzeitigen Einnahme verschiedener Medikamente.

Gerade an den Schnittstellen zwischen mehreren behandelnden Ärzten seien Apotheken ein wichtiger Baustein für die Arzneimitteltherapiesicherheit, betont der Verband.

Persönliche Beratung und individuelle Versorgung 

Neben der fachlichen Kontrolle spiele auch die persönliche Beratung eine zentrale Rolle. Patientinnen und Patienten könnten sich ohne Termin und unmittelbar an ihre Apotheke wenden, um Fragen zur Einnahme oder Verträglichkeit von Medikamenten zu klären.

Darüber hinaus stellen viele Apotheken individuelle Arzneimittel her – etwa spezielle Rezepturen für Kinder, Palliativpatienten oder Menschen mit besonderen medizinischen Bedürfnissen.

Auch Nacht- und Notdienste, Botendienste sowie die schnelle Versorgung in Akutfällen seien Leistungen, die nicht ohne Weiteres durch zentrale Strukturen oder digitale Angebote ersetzt werden könnten.

Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes - Foto: Hessischer Apothekerverband

Besonders kritisch sieht der Verband die Vorstellung, die Arzneimittelversorgung künftig stärker auf Versandhandel und wenige zentrale Standorte auszurichten.

Ein Fahrdienst könne zwar Medikamente liefern, ersetze jedoch kein persönliches pharmazeutisches Beratungsgespräch. Ebenso könne ein Drogeriemarkt nicht die Verantwortung und Fachkompetenz eines approbierten Apothekers übernehmen.

Nach Ansicht des HAV würde eine solche Entwicklung insbesondere in ländlichen Regionen zu einer Ausdünnung der Versorgungsstrukturen führen und die Versorgungssicherheit gefährden.

Appell für Zusammenarbeit statt Konfrontation

Der Apothekerverband fordert deshalb eine sachliche Debatte über die Zukunft des Gesundheitswesens. Reformen seien notwendig, ebenso der Abbau von Bürokratie und die Modernisierung bestehender Strukturen.

Dies könne jedoch nur gemeinsam mit den Apotheken und ihren pharmazeutischen Teams gelingen. Vorschläge, die die Abschaffung oder weitgehende Verdrängung von Vor-Ort-Apotheken zum Ziel hätten, seien kein Beitrag zur Lösung bestehender Herausforderungen.

Für den Hessischen Apothekerverband steht fest: Eine sichere Arzneimittelversorgung besteht aus weit mehr als der reinen Logistik von Medikamenten. Die Vor-Ort-Apotheken seien ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesundheitssystems und müssten gestärkt statt infrage gestellt werden.

Die zentrale Botschaft des Verbandes lautet daher: Reformen ja – aber nicht auf Kosten der Arzneimitteltherapiesicherheit und der wohnortnahen Versorgung.