BAD ORB
"Sie kennen ja meine Mamma Carlotta": Gisa Pauly entzückte im Gartensaal
Fotos: privat
Dienstag, 23.06.2026
Eine Lesung war es, die die Bad Orb Kur GmbH für den zurückliegenden Dienstagabend angekündigt hatte. Und die war es auch, die die Anhängerinnen von Gisa Pauly in den Gartensaal der Bad Orber Konzerthalle lockte, in den die Veranstaltung witterungsbedingt verlegt wurde.
Eine Lesung allerdings war es nicht, die das vorwiegend weibliche Publikum präsentiert bekam: Es war vielmehr beste Unterhaltung, kombiniert mit einer Prise „Geplauder übern Gartenzaun“. Gisa Pauly glänzte trotz ihrer heraufziehenden Erkältung, die sie immer wieder zu einer Flasche stillen Wassers greifen ließ, als ausgezeichnete Entertainerin.
"Mit eigenem Stil und feinem Humor"
Und das nicht zum ersten Mal in Bad Orb: Schon im Oktober 2024 war sie bei der „Kleinen Bad Orber Buchmesse“ zu Gast, seinerzeit mit „Breitseite“, dem 18. Sylt-Krimi mit Mamma Carlotta. Damals fand sie großen Gefallen am Kurpark, beim aktuellen Besuch blieb ihr für einen Aufenthalt dort allerdings keine Zeit. Die Autorin kam direkt aus München angefahren, wo sie im Rahmen des Krimifestivals München im Theater Drehleier aufgetreten war.
„Das war total toll, es war rappelvoll“, freute sie sich, entgegen früheren Entscheidungen doch den Weg nach Süddeutschland auf sich genommen zu haben. Mehrere Zwischenstationen zwischen ihrem Lebensmittelpunkt Münster und der bayerischen Hauptstadt machten eine Reise in diesem Jahr jedoch besonders verlockend. Auf der Rückreise und nach vier Stunden Autofahrt von München in die Kurstadt war ihr allerdings vor allem nach einem zumute: Einige Zeit einfach auf dem Bett des Hotels „Rheinland“ zu liegen.
Entsprechend motiviert und fit präsentierte sich die Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Journalistin dann abends auf der Bühne des Gartensaals, angekündigt von Veranstaltungsleiter Christian Edel, der den Schreibstil der agilen 79-Jährigen als mit „eigenem Stil, feinem Humor, pointierten Dialogen und Figuren, die einem noch lange in Erinnerung bleiben“ skizzierte.
"Sie kennen ja meine Mamma Carlotta"
Speziell eine dieser Figuren stand am Veranstaltungsabend erneut im Mittelpunkt: Mamma Carlotta, um die sich der zwanzigste und damit Jubiläumsband „Windjammer“ drehte. Eine temperamentvolle Italienerin, die mit viel Herzblut auf Sylt ermittelt. Zumeist werden dabei reale Schauplätze aufgesucht – manchmal allerdings muss sich Gisa Pauly einen Ort oder ein Geschäft auch ausdenken: „Ich mag normalerweise authentische Orte. Aber die Käptn’s Kajüte habe ich erfunden, sonst hätte ich schon längst eine Beleidigungsklage am Hals.“
Gelächter im Publikum: Da war ein großer Teil der Fangemeinde genau informiert, was es mit dieser „ Käptn’s Kajüte“ auf sich hat, in die die Protagonistin gerne (und stets heimlich) einkehrt. Die Stammkneipe feiert in ihrem neuesten Krimi ebenfalls Geburtstag – passend zum Buch den Zwanzigsten. Mamma Carlotta allerdings hat wenig Muße zum Feiern: Dem Ehepaar Lünnemann wurde, wie Pauly erzählt, vor fünf Jahren das Baby entwendet. Am Strand. Ein traumatisches Geschehen auch für Carlottas Schwiegersohn, Kriminalhauptkommissar Erik Wolf, der den Fall seinerzeit nicht lösen konnte.
Spannung und kulinarische Genüsse
Nun entdeckte das Ehepaar bei einem erneuten Besuch auf der
Insel einen Jungen, der am Rücken ein ebensolches Muttermal hatte wie
ihr Sohn – und mit Tricks und Kniffen kam schließlich der
Mutterschaftstest zum Ergebnis: „Bingo. Dieser kleine Junge ist das
gekidnappte Kind.“ Als würde das Erik nicht schon vor genug
Herausforderungen stellen, sorgte zudem ein getöteter Bildhauer für
weitere Rätsel bei den Ermittlungen. Spannung, kulinarische Genüsse,
eine gedankliche Reise nach Sylt – für die Fans von Mamma Carlotta war
der Abend ein wunderbares Erlebnis.
„Sie kennen ja meine Mamma
Carlotta“, spielte Pauly auf die jahrzehntelange „Freundschaft“ mit der
Hauptfigur ihrer Syltkrimis an. Das Publikum antwortete mit zustimmendem
Gelächter. Und scheinbar war das wirklich so: Der Großteil wusste etwa
um die Liebesbeziehungen, die in den zurückliegenden, stets
abgeschlossenen Bänden um die vorwitzige Protagonistin und ihren
Familien- und Freundeskreis thematisiert wurden. Sie wussten alles von
Carlotta, von der 2007 erstmals etwas zu lesen war, angefangen mit ihrer
sieben Kindern und damit, ihre „Schwiegereltern zu Tode gepflegt'“ zu
haben.
"Sie würde mir immer dazwischen reden"
Gisa Pauly allerdings betonte, froh zu sein, dass ihre Freundin
Carlotta nicht in Bad Orb selbst anwesend sei: „Sie würde mir immer
dazwischen reden“, erklärte sie unter dem Gelächter der Gäste. „Ich mag
sie unheimlich gern, sie ist mir ans Herz gewachsen. Wenn die da hinten
reinkäme, ich würde sie sofort erkennen.“ Besonders gefalle ihr
„Carlottas Genügsamkeit. Wir sind eine Gesellschaft von Nörglern
geworden. Carlotta dagegen freut sich über das, was sie hat.“
Im
Plauderton ging es weiter: Die kürzeste Zeit las Pauly Textpassagen aus
ihrem Jubiläumsbuch, viel häufiger richtete sie ihren Blick durch die
dunkle Brillenfassung ins Publikum, um in einen Dialog zu treten: Sie
erzählte vom „Stammpersonal“ ihrer Bücher, davon, dass sie den
Rechtsmediziner Dr. Helmuth in Pension geschickt habe, weil er „von Jahr
zu Jahr immer dicker und die Kniearthrose immer schlimmer“ geworden
sei. „Er war auch einverstanden“, wie sie unter Gelächter erklärte.
Statt dessen habe sie Dr. Antje Mikkelsen mit der Stelle betraut, „aber
wie sehen Sie die Sache? Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht.“
Sören, ein Kollege von Erik, sei sofort „wie vom Blitz getroffen“
gewesen. „Was meinen Sie? Passen die zusammen? Wäre jemand dagegen?“
"Manchmal ist es so, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln"
Es
waren diese Momente, in denen man sich gut vorstellen konnte, dass die
Autorin vor 1993 20 Jahre lang Lehrerin an einer kaufmännischen
Berufsschule war: Mitarbeit war gefragt, damit auch der nächste Band
rund um Mamma Carlotta ein Erfolg wird. „Ich denke, ich lasse sie
erstmal, wenn es Ihnen recht ist“, bezog Pauly die Gäste in ihre
literarischen Planungen mit ein, wobei sie aber auch einräumen musste:
„Manchmal ist es so, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln.“
Und das nicht immer zum Besten. Etwa Wiebke, die mit Erik eine Liebesbeziehung führte: Die sei „zickig“ geworden - „da hab ich sie rausgeschrieben“. Handfeste Entscheidungen mussten aber auch für das nächste Buch her: „Wie stehen Sie zu Giovanni?“, wollte die Schriftstellerin wissen. „Ich frage deswegen, weil im nächsten Buch am Ende in Palermo ein Brand ausbricht. Da habe ich jetzt zwei Möglichkeiten ...“ (red)