MAIN-KINZIG-KREIS / HANAU

Gewerkschaft schießt gegen Rentenreform: "Es schafft kaum einer, auf dem Bau bis 67 zu arbeiten"

Auf Dauer nicht zu machen: das Schleppen von Säcken. Gerade Ältere stoßen bei schwerer körperlicher Arbeit wie auf dem Bau an ihre Grenzen.
Foto: IG BAU/Alireza Khalil


Freitag, 10.07.2026

Wenn der Job längst zu hart und die Rente noch zu weit weg ist: Von den rund 5.720 Bauarbeitern im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau sind nach aktuellen Angaben der Arbeitsagentur gerade einmal rund 220 Beschäftigte älter als 63 Jahre.

„Ob Maurer, Dachdecker, Kanal- oder Straßenbauer: Sie machen harte körperliche Arbeit. Und das bei Wind und Wetter – bei Hitze und Frost“, sagt Gernot Sattler von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Der Vorsitzende der IG BAU Hessen-Mitte sieht dabei eine kritische Altersgrenze: „Für die meisten ist schon Schluss, bevor sie 60 sind. Sie packen die Arbeit auf dem Bau gesundheitlich dann einfach nicht mehr“, so Gernot Sattler.

"Es schafft kaum einer, auf dem Bau bis 67 zu arbeiten"


Für die IG BAU Hessen-Mitte ist klar: „Es schafft kaum einer, auf dem Bau bis 67 zu arbeiten. Wenn es demnächst dann noch länger gehen soll: keine Chance“, so Gernot Sattler. Der Gewerkschafter kritisiert damit die Pläne der Rentenkommission, die die Bundesregierung umsetzen will.

„Was dabei fehlt, ist die Flexi-Rente. Also die Chance auf vernünftige Übergänge vom Arbeitsleben in den Ruhestand für alle Branchen, in denen Beschäftigte durch ihren Job gesundheitlich einfach früher am Ende sind. Eine faire Rente muss unbedingt dem ‚Härtegrad der Arbeit‘, die geleistet wird, angepasst werden“, sagt Gernot Sattler und fordert für die Betroffenen einen „Expresszugang in den regulären Ruhestand“.

"Expresszugang in den regulären Ruhestand"


Das gelte für die Baubranche, aber auch für die Land- und Forstwirtschaft, die Gebäudereinigung, den Garten- und Landschaftsbau. An die heimischen Bundestagsabgeordneten in der Region appelliert die IG BAU Hessen-Mitte, „Renten-Rückgrat“ zu zeigen und die Pläne der Bundesregierung „dringend zu korrigieren“. Andernfalls würden viele Berufe, in denen hart gearbeitet werde, mehr und mehr an Attraktivität verlieren.

Ein weiterer Kritikpunkt der Gewerkschaft: das Abschaffen der Rente mit 63. „Das wäre gerade für viele Baby-Boomer ein Schlag ins Gesicht. Es macht ihnen nämlich einen dicken Strich durch ihre Lebensplanung“, sagt Gernot Sattler. Betroffen davon seien viele: Im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau gibt es 66.400 Baby-Boomer, die in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen werden, so die IG BAU Hessen-Mitte. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Berechnungen des Pestel-Instituts.

"Für viele Baby-Boomer ein Schlag ins Gesicht"


Der Chef der IG BAU Hessen-Mitte warnt, die geburtenstarken Jahrgänge nicht zu enttäuschen: „Immerhin haben viele Boomer ihre Beitragsjahre für die Rente voll. Sie haben 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt und damit eine enorm lange Zeit ihres Lebens gearbeitet. Ihnen jetzt – gewissermaßen kurz vor knapp – die Rente mit 63 vor der Nase wegzuschnappen, das geht nicht. Das kostet politisches Vertrauen – und Vertrauen in den Staat“, ist Gernot Sattler überzeugt.

Im Fokus der Kritik der IG BAU Hessen-Mitte steht auch das Rentenniveau. Dabei gehe es um einen weiteren wichtigen Punkt von den 33 Vorschlägen, den die Rentenkommission vorgelegt hat: Es fehle eine garantierte Haltelinie beim Rentenniveau. Hierauf baue vor allem die kommende Rentner-Generation: „Der Staat darf den Baby-Boomern ab 2031 kein Absenken des Rentenniveaus unter 48 Prozent zumuten. Auch hier muss die Rentenpolitik Verantwortung zeigen: Rente ist politische Vertrauenssache“, so Gernot Sattler.

Die Bundesregierung müsse dringend klarstellen, dass es keinen Einbruch beim Rentenniveau gebe – auch nicht beim Übergang zur kapitalgedeckten Zusatzrente. „Grundsätzlich muss das Rentenniveau dann schnell wieder auf mindestens 53 Prozent kommen“, sagt IG BAU-Bezirkschef Gernot Sattler. Auch hierfür sollen sich, so die Forderung der IG BAU Hessen-Mitte, die heimischen Bundestagsabgeordneten in ihren Fraktionen in Berlin jetzt stark machen. (red)