FRANKFURT AM MAIN

Drogen-Chaos in der Bankenstadt: Ist der Frankfurter Weg in Gefahr?

Ist der Frankfurter Weg zum Scheitern verurteilt? (Symbolfoto)
Foto: Pixabay/lapping
von Redaktion Kinzig News


Samstag, 25.07.2026

Die Zahl der Drogentoten in Frankfurt ist wieder deutlich gestiegen. Nach Angaben des städtischen Drogenreferats starben innerhalb der vergangenen zwölf Monate 45 Menschen am Konsum illegaler Substanzen oder an dessen Spätfolgen.

Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren 30 Todesfälle registriert worden. Einrichtungen der Frankfurter Suchthilfe sehen diese Entwicklung mit Sorge und warnen davor, bewährte niedrigschwellige Angebote zurückzufahren.

„Frankfurter Weg“ setzt seit Jahrzehnten auf Hilfe

Seit mehr als 30 Jahren verfolgt die Stadt den sogenannten Frankfurter Weg. Drogenabhängige werden dabei vorrangig als erkrankte Menschen betrachtet, die medizinische und soziale Unterstützung benötigen.

Zum Konzept gehören unter anderem Drogenkonsumräume, Substitutionsangebote für schwer opioidabhängige Menschen sowie sozialarbeiterische und medizinische Hilfen. Oberstes Ziel ist es, gesundheitliche Schäden und Todesfälle zu verhindern. Rund 3.000 Menschen nutzten nach städtischen Angaben im Jahr 2025 die Frankfurter Konsumräume.

Todeszahlen nach frühem Höchststand stark gesunken

Wie notwendig ein neuer Ansatz erschien, zeigten die Zahlen zu Beginn der 1990er-Jahre. Allein 1991 starben in Frankfurt mehr als 140 Menschen im Zusammenhang mit Drogen.

Nach Einführung und Ausbau der Hilfsangebote sank die Zahl über Jahre auf meist 20 bis 40 Todesfälle jährlich. Der aktuelle Anstieg nährt bei Trägern der Suchthilfe nun die Sorge, dass diese Entwicklung wieder in die falsche Richtung gehen könnte.

Drogenhilfe kritisiert weniger Prävention

Vanessa Schlüter-Haag, Leiterin des Drogenhilfezentrums La Strada der Frankfurter Aidshilfe, nimmt nach eigener Einschätzung wieder eine repressivere Drogenpolitik wahr.

Geschlossene Hilfsangebote, eingeschränkte Öffnungszeiten und geringere Investitionen in die Prävention könnten dazu beitragen, dass mehr Menschen sterben, argumentiert sie. La Strada bietet im Bahnhofsviertel niedrigschwellige Beratung, 25 Schlafplätze und zwei Konsumräume an.

Crack verändert die offene Drogenszene

Gleichzeitig steht der Frankfurter Weg politisch stärker unter Druck. Im Zentrum der Kritik steht vor allem die sichtbare Drogenszene rund um das Bahnhofsviertel.

Als ein Grund gilt die stärkere Verbreitung von Crack. Die Wirkung der Droge hält vergleichsweise kurz an, weshalb Betroffene häufiger konsumieren und stärker im öffentlichen Raum wahrgenommen werden. Hessens Innenminister Roman Poseck hatte Frankfurt im Frühjahr vorgeworfen, mit einer aus seiner Sicht teilweise naiven Gesundheitspolitik eine Anziehungskraft auf Crack-Abhängige auszuüben.

Mischkonsum erhöht das gesundheitliche Risiko

Auch die Suchthilfe stellt fest, dass der Crack-Konsum gestiegen ist. Als besonders gefährlich gilt jedoch die Kombination verschiedener Substanzen.

Bei einem solchen Mischkonsum sind Wirkungen und Wechselwirkungen schwer vorhersehbar. Hinzu kommt, dass Konsumenten häufig nicht genau wissen, welche Wirkstoffe und Beimengungen in den gekauften Drogen enthalten sind.

Was bedeutet Drug-Checking?

Deshalb fordert La Strada die Einführung von Drug-Checking in Hessen. Dabei werden abgegebene Proben chemisch untersucht. Konsumenten erfahren anschließend, welche Substanzen enthalten sind und wie hoch die Wirkstoffkonzentration ausfällt.

Das Angebot soll Drogenkonsum nicht verharmlosen. Es soll vielmehr vor ungewöhnlich hoch dosierten oder verunreinigten Substanzen warnen und dadurch akute Vergiftungen und Todesfälle verhindern.

Rechtliche Grundlage in Hessen fehlt noch

In Hessen fehlt bislang eine landesrechtliche Verordnung, die solche Analysen direkt vor Ort ermöglicht. Ein gemeinsames Sofortprogramm des hessischen Innenministeriums und der Stadt Frankfurt sieht Drug-Checking in Konsumräumen grundsätzlich vor.

Die Einführung soll demnach „zeitnah“ erfolgen. Gleichzeitig ist eine stärkere Polizeipräsenz in den Einrichtungen vorgesehen. Wann das Angebot tatsächlich starten kann, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Bundesweit mehr als 2100 Drogentote

Auch deutschlandweit bewegt sich die Zahl der Drogentoten auf hohem Niveau. Für 2025 weist der auf Daten des Bundeskriminalamts beruhende Bericht des Bundesdrogenbeauftragten 2150 Todesfälle aus.

Im Jahr zuvor waren 2137 Menschen gestorben. Trotz ihrer großen und weithin sichtbaren Szene seien die Frankfurter Zahlen im bundesweiten Verhältnis noch immer vergleichsweise niedrig, betont die Leiterin von La Strada.

Betroffene beklagen zunehmende Stigmatisierung

Menschen mit eigener Suchterfahrung beobachten die politische und gesellschaftliche Debatte ebenfalls kritisch. Sie befürchten, wieder stärker als Kriminelle und weniger als behandlungsbedürftige Menschen wahrgenommen zu werden.

Eine solche Stigmatisierung könne den Zugang zu Hilfsangeboten erschweren. Betroffene könnten sich zurückziehen, riskanter konsumieren oder aus Angst vor Konsequenzen darauf verzichten, in einer Notsituation Hilfe zu holen.

Gedenken an verstorbene Drogengebrauchende

Auf die Folgen von Abhängigkeit und fehlender Unterstützung macht jedes Jahr am 21. Juli der internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende aufmerksam.

Auch in Frankfurt und Kassel fanden dazu Gedenkveranstaltungen statt. Die Initiatoren wollen den Verstorbenen einen sichtbaren Platz geben – auch weil viele Menschen aus der Drogenszene wegen hoher Bestattungskosten anonym beigesetzt werden. (red)