HANAU / MKK

Mit Erdbeeren gegen das Vergessen: So stärkt eine neue Therapie Menschen mit Demenz

Spaß am gemeinsamen Erdbeeren-Schneiden: Teilnehmende einer MAKS-Gruppe mit Therapeutin.
Fotos: Martin Luther Stiftung Hanau


Samstag, 08.08.2026

„Du träumst wohl von Erdbeeren?“

Auf die schelmische Frage hin öffnet die alte Dame die Augen, die ihr gerade für einen Moment zugefallen waren. Sie lächelt und nickt dem Herrn gegenüber zu. Rund um den Tisch sprechen drei Männer und zwei Frauen im Alter von 72 bis 91 Jahren über Erdbeer-Shakes, Erdbeerkuchen und Kindheitserinnerungen.

Sorgsam geplante Therapie


Was wie ein netter Vormittag im Café aussieht, ist Teil einer sorgsam geplanten Therapie für Menschen mit Demenz im Katharinenstift der Martin Luther Stiftung Hanau. Ohne Unterstützung fällt es diesen fünf Senioren im Alltag eher schwer, sich an Gesprächen und Gruppenaktivitäten zu beteiligen. „Von alleine klappt das selten“, weiß Lucia Zeh, die hier die Soziale Betreuung leitet.

Diese zertifizierte MAKS-Therapie hilft Menschen mit Demenz, länger aktiv und im Austausch zu bleiben. Regelmäßig bieten Zehs Kolleginnen für Kleingruppen Aktivitäten an, die motorische, alltagspraktische, kognitive und soziale Fähigkeiten fördern (daher die Kurzbezeichnung „MAKS“). Dabei greifen sie Themen aus dem Alltag auf. Jahreszeiten wie beispielsweise die Erntezeit, Lebensphasen von Kindheit bis Alter, Familienthemen oder das Wetter finden Platz in der Runde. In den zwei Stunden der Therapie entwickeln sich wichtige Gespräche, die von den Therapeuten gezielt gefördert werden, berichtet Zeh.

"Was kann man alles aus Erdbeeren machen?"


Die Therapeutin spricht jede und jeden Teilnehmenden immer wieder persönlich an. „Was kann man alles aus Erdbeeren machen, Frau B.?“ „Erdbeer-Shakes“, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Hm, lecker. Mögen Sie auch Erdbeer-Shakes, Herr L.?“. Einfühlsam greift die Therapeutin jede Antwort auf. So bringt sie das stockende Gespräch immer wieder in Gang. Sie liest den Witz des Tages vor, danach regt eine Mitmachgeschichte zu Bewegungen an. „Dann merken einige Teilnehmenden, dass ihre Arme und Beine doch noch beweglicher sind, als sie dachten“, schmunzelt Zeh.

Grundstimmung und Allgemeinbefinden werden durch eine MAKS-Therapie nachweislich verbessert.

"Das macht dir Spaß"


„Zuwendung braucht Zeit“, ergänzt Einrichtungsleiterin Marianne Dahinten. „Deshalb nehmen wir uns die Zeit, um Menschen ins Gespräch zu holen und miteinander zu verbinden.“ Die Strategie geht auf: In der Erdbeer-Runde gelingt es den Teilnehmenden nach etwa einer Stunde mehr und mehr, miteinander zu plaudern, statt nur die Fragen der Therapeutin zu beantworten. Gemeinsam schneiden sie die Früchte für einen Erdbeerquark. „Das macht dir Spaß, oder?“, fragt Herr L. seinen Tischnachbarn. „Essen macht noch mehr Spaß“, erwidert Herr D. schlagfertig. Nach etwa zwei Stunden haben sich alle an der Unterhaltung beteiligt, vergnügt Sprichwörter erraten, am Vanillezucker geschnuppert, gemeinsam gelächelt und Kindheitserinnerungen ausgetauscht.

„Demenz ist wie Honig im Kopf: Ich verstehe nichts und niemand versteht mich“, erklärt Demenz-Expertin Zeh. „Deshalb holen wir die Menschen dort ab, wo sie stehen. Die Therapie folgt immer dem gleichen durchstrukturierten Ablauf. Dann kommen die Teilnehmenden gut mit.“ Studien deuten darauf hin, dass eine regelmäßig durchgeführte Therapie den Verlauf einer dementiellen Erkrankung verlangsamen und günstig beeinflussen kann.

Zeh betont, dass die MAKS-Therapie die Grundstimmung verbessert. „Die Menschen sind schon nach zwei bis drei Sitzungen fröhlicher und ausgeglichener.“ Eine Tochter berichtet, dass ihr 99-jähriger Vater wieder mehr und gezielter mit ihr spricht und sogar von der letzten MAKS-Runde berichtet habe. “Ich habe den Eindruck, er kann sich wieder besser konzentrieren und ist mehr bei der Sache”, so die Tochter.

Aktivierungsangebot auch für Tagesgäste


„Demenz ist eine der häufigsten Erkrankungen im Alter. Deshalb schaffen wir gezielt Angebote für Menschen, die von Demenz betroffen sind, und bilden auch unsere Mitarbeitenden entsprechend weiter“, sagt Einrichtungsleiterin Dahinten. In der stationären Pflege setzt die Martin Luther Stiftung MAKS-Gruppen seit Sommer 2025 ein. Zehn Mitarbeiterinnen haben die Qualifikation zur zertifizierten MAKS-Therapeutin absolviert, einige feste Therapiegruppen gibt es inzwischen in den Häusern auf der Hanauer Martin-Luther-Anlage.

Weil das Therapie-Angebot in der Praxis so gut funktioniert, öffnet die Stiftung es ab September auch für Tagespflege-Gäste aus Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis. (red)