DEUTSCHLAND

„Viele nicht mehr demokratisierbar“: Arche-Sprecher warnt vor Radikalisierung Jugendlicher

Arche-Sprecher warnt vor Radikalisierung Jugendlicher. (Symbolfoto)
Foto: Pixabay/makunin
von Redaktion Kinzig.News


Samstag, 22.08.2026

Wolfgang Büscher, Sprecher des christlichen Kinder- und Jugendhilfswerks „Die Arche“, warnt vor zunehmender Gewalt und islamistischer Radikalisierung unter einem Teil der Jugendlichen, die seine Organisation betreut. Besonders drastisch beschreibt er die Entwicklung in Berlin: Manche jungen Menschen seien seiner Einschätzung nach mit demokratischen Angeboten kaum noch zu erreichen. Seine Aussagen sorgen damit erneut für eine Debatte über Integration, religiösen Extremismus und den Umgang mit Problemen an Schulen. 

Die Arche arbeitet bundesweit mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien. Nach Angaben, die Büscher gegenüber Medien machte, erreicht die Organisation an 40 Standorten rund 11.500 junge Menschen. Ein großer Teil von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch auf Religion oder politische Einstellungen schließen. Büschers Warnungen beruhen vor allem auf den Erfahrungen seiner Mitarbeiter in den Einrichtungen und sind keine repräsentative Erhebung über Jugendliche mit Migrationsgeschichte insgesamt.

Arche berichtet von Messern bei immer jüngeren Kindern

Besonders besorgt zeigt sich Büscher über Gewalt unter Minderjährigen. In Einrichtungen der Arche seien bereits Elfjährige mit Messern aufgefallen, berichtet er. Zugleich beobachte das Hilfswerk bei einzelnen Jugendlichen antisemitische Einstellungen und Sympathien für islamistische Weltbilder. Nach seiner Darstellung entstehe ein Teil dieser Überzeugungen bereits im familiären Umfeld und werde durch Inhalte in sozialen Netzwerken verstärkt. 

Büscher formuliert daraus eine weitreichende Einschätzung: Ein Teil der Jugendlichen sei aus seiner Sicht „nicht mehr demokratisierbar“. Bereits in mehreren Interviews der vergangenen Monate hatte der Arche-Sprecher vor einem wachsenden Einfluss des politischen Islam gewarnt und mehr Offenheit im Umgang mit Integrationsproblemen gefordert. Zugleich betonte er dabei, seine Kritik richte sich nicht pauschal gegen Muslime, sondern gegen islamistische und antidemokratische Strömungen. 

Berliner Studie zeigt Gewalt und religiösen Druck an Schulen

Unabhängige Daten zeigen, dass Gewalt und religiöser Konformitätsdruck an Berliner Schulen tatsächlich ein wachsendes Problem darstellen. Das im Juni veröffentlichte Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer basiert auf Angaben von mehr als 14.000 Schülern sowie über 2.500 Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeitern. Mehr als die Hälfte des pädagogischen Personals bewertet Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten, dass Gewalt seit der Corona-Pandemie zugenommen habe.

Auch religiöser Druck spielt nach der Untersuchung eine Rolle. Jeder zehnte ältere Schüler berichtet demnach davon, bestimmte religiös begründete Vorgaben etwa bei Kleidung oder Essen einhalten zu sollen. In der Auswertung wurde zudem bekannt, dass rund 40 Prozent der befragten muslimischen Neuntklässler religiösen Regeln Vorrang vor schulischen Regeln geben würden. Der Befund beschreibt Einstellungen innerhalb der untersuchten Gruppe, ist jedoch nicht mit einer islamistischen oder gar gewaltbereiten Haltung gleichzusetzen. 

Die Berliner Bildungsverwaltung spricht dennoch von erheblichen Herausforderungen. Besonders auffällig seien neben körperlicher und verbaler Gewalt digitale Konflikte sowie sozialer und religiöser Konformitätsdruck. Der Senat kündigte deshalb an, Prävention und Intervention zu verstärken und Gewaltereignisse konsequenter zu erfassen. 

Extremismusforscher registrieren steigende Werte

Auch das bundesweite Forschungsprojekt MOTRA, das extremistische Einstellungen untersucht, registriert bei jüngeren Muslimen steigende Zustimmungswerte zu islamismusaffinen Positionen. Für 2025 wurden bei Muslimen unter 40 Jahren 11,5 Prozent als manifest islamismusaffin und weitere 33,6 Prozent als latent islamismusaffin eingeordnet. Zusammen ergibt das 45,1 Prozent. 

Der Begriff „latent islamismusaffin“ verlangt allerdings eine genaue Einordnung. Er bezeichnet keine festgestellte Mitgliedschaft in einer extremistischen Organisation und auch keine Gewaltbereitschaft. Er erfasst eine zumindest teilweise Offenheit gegenüber bestimmten Positionen, die in der wissenschaftlichen Untersuchung dem islamistischen Einstellungsspektrum zugerechnet werden. Die Gruppe mit manifest islamismusaffinen Einstellungen fällt entsprechend deutlich kleiner aus.

MOTRA verzeichnet zugleich auch bei anderen Extremismusformen problematische Entwicklungen. Bei den unter 40-Jährigen insgesamt zeigten 2025 nach der Untersuchung 27,3 Prozent eine Offenheit für rechtsextremes beziehungsweise autoritäres Gedankengut, weitere 5,7 Prozent wurden als manifest rechtsextrem eingestellt eingeordnet. Extremistische Einstellungen unter jungen Menschen beschränken sich damit nicht auf ein religiöses oder gesellschaftliches Milieu.

Wie kann Radikalisierung verhindert werden?

Die politische Frage richtet sich deshalb zunehmend darauf, wie Schulen und Jugendhilfe Jugendliche erreichen können, bevor sich extremistische Weltbilder verfestigen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hat unter anderem staatlich kontrollierten Islamunterricht als möglichen Baustein ins Gespräch gebracht. Jugendliche könnten so religiöse Bildung erhalten, ohne auf radikale Prediger oder nicht kontrollierte Angebote angewiesen zu sein.

Büscher fordert dagegen vor allem, Probleme früher und deutlicher anzusprechen und Sozialarbeit erheblich auszubauen. Die zugespitzte Aussage, Teile der Jugendlichen seien kaum noch für demokratische Werte erreichbar, bleibt dabei seine persönliche Einschätzung aus der Arbeit der Arche. Die vorhandenen Studien belegen wachsende Probleme durch Gewalt, Extremismus und religiösen Konformitätsdruck – sie erlauben jedoch nicht den pauschalen Schluss, junge Menschen mit Migrationshintergrund seien grundsätzlich nicht integrierbar oder nicht für demokratische Werte zu gewinnen. (red)