GIEßEN

Gießen gibt grünes Licht für großes Rechenzentrum – trotz Protesten

Gießen plant Rechenzentrums-Bau.
Foto: Data Center Group
von Redaktion Kinzig.News


Sonntag, 30.08.2026

In Gießen soll das erste große Rechenzentrum Mittelhessens entstehen. Das Stadtparlament hat am Donnerstagabend mit 38 Ja-Stimmen, elf Gegenstimmen und acht Enthaltungen für das Projekt am sogenannten Katzenfeld in der nördlichen Weststadt gestimmt. Ein Antrag, die Entscheidung auf die nächste Sitzung zu verschieben, fand keine Mehrheit

Geplant ist die Entwicklung einer bislang weitgehend unbebauten Fläche von rund 16,75 Hektar. Neben dem Rechenzentrum soll dort ein Gewerbegebiet entstehen. Die Stadt rechnet insgesamt mit rund 900 neuen Arbeitsplätzen, etwa 200 davon direkt durch den Betrieb des Rechenzentrums.

Bis zu 65 Megawatt Anschlussleistung geplant

Die Dimension des Projekts ist erheblich. Für das Rechenzentrum sind bis zu 65 Megawatt Anschlussleistung vorgesehen. Über ein ganzes Jahr könnte die Anlage damit fast eineinhalbmal so viel Strom verbrauchen wie bislang die gesamte Stadt Gießen.

Gleichzeitig soll die entstehende Abwärme in das Fernwärmenetz eingespeist werden. Planungsdezernentin Gerda Weigel-Greilich verbindet mit dem Projekt zudem die Hoffnung auf eine „Initialzündung“ für den Wirtschaftsstandort. Weitere IT-affine Unternehmen könnten sich dadurch in Gießen ansiedeln.

Stadt hofft auf Arbeitsplätze und Gewerbesteuern

Auch höhere Gewerbesteuereinnahmen gehören zu den Argumenten der Befürworter. Hinzu kommen mögliche Einnahmen für Mittelhessen Netz, eine Gesellschaft der Gießener Stadtwerke. Sie könnte Netzentgelte für die Durchleitung der benötigten Strommengen erhalten.

Als wichtiger Standortvorteil gilt das benachbarte Umspannwerk. Nach Angaben des Planungsamts stehen dadurch große Strommengen zur Verfügung, darunter auch Windstrom aus Norddeutschland.

Investor und Betreiber stehen noch nicht fest

Trotz der politischen Entscheidung ist der eigentliche Baubeginn noch offen. Investor und Betreiber für das Rechenzentrum stehen bislang nicht fest.

Noch Ende dieses Jahres sollen allerdings Aufschüttungsarbeiten und die Entwicklung der Fläche beginnen. Ein konkreter Termin für den Bau des Rechenzentrums kann erst festgelegt werden, wenn die weiteren Projektpartner gefunden sind.

Rund 150 Menschen demonstrieren gegen das Projekt

Die Entscheidung ist in Gießen umstritten. Rund 150 Menschen demonstrierten am Donnerstagabend gegen den geplanten Bau.

Anwohner der nördlichen Weststadt fürchten unter anderem zusätzlichen Lärm und Abgase. Besonders kritisch sehen sie große Dieselaggregate für die Notstromversorgung, die in der Nähe einer Schule eingesetzt werden könnten.

Kritik an Strombedarf und Umweltfolgen

Auch ein Parteienbündnis aus Volt und „Gießen gemeinsam Gestalten“ stellt sich gegen das Projekt. Kritisiert wird unter anderem der hohe Energiebedarf und die Frage, ob dieser ausreichend durch regionale erneuerbare Energien gedeckt werden kann.

Für die hochwassersichere Erschließung des Geländes sollen zudem große Mengen Erde aufgeschüttet werden. Nach Angaben der Kritiker wären dafür rund 20.000 Lkw-Ladungen notwendig. Das Bündnis fordert deshalb zusätzlich eine bioklimatische Analyse der möglichen Auswirkungen auf das Umfeld.

Experte hält geplantes Rechenzentrum für zu groß

Kritik kommt auch aus der Wissenschaft. Stefan Lechner, Professor für Energiewirtschaft und Energiesysteme an der Technischen Hochschule Mittelhessen, bezeichnet die geplante Anlage als vergleichsweise groß.

Er sieht generell einen Trend zu immer größeren Rechenzentren und kritisiert, dass deren tatsächliche Notwendigkeit und Energieversorgung aus seiner Sicht zu wenig hinterfragt würden. Einen unmittelbaren Engpass bei der Stromversorgung Gießens hält er wegen des benachbarten Umspannwerks allerdings für unwahrscheinlich.

Nicht die gesamte Abwärme könnte genutzt werden

Beim Thema Energieeffizienz sieht Lechner ein weiteres Problem. Zwar soll die Abwärme des Rechenzentrums in das Fernwärmenetz eingespeist werden, nach seiner Einschätzung könnte Gießen aber gar nicht die gesamte entstehende Wärme sinnvoll nutzen.

Ein kleineres Rechenzentrum wäre nach seiner Einschätzung am Standort ebenfalls wirtschaftlich betreibbar. Er hält die derzeit geplante Dimension deshalb für überzogen.

Auch im Main-Kinzig-Kreis laufen Rechenzentrumspläne

Die Gießener Entscheidung ist Teil einer Entwicklung, die längst nicht mehr nur Frankfurt und das unmittelbare Rhein-Main-Gebiet betrifft. Rechenzentren werden zunehmend auch in weiter entfernten Regionen geplant.

Im Main-Kinzig-Kreis wird derzeit etwa in Birstein über ein Rechenzentrum mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt diskutiert. Für dessen Stromversorgung ist im benachbarten Schlüchtern zusätzlich ein neues Kraftwerk mit Investitionskosten von rund 750 Millionen Euro im Gespräch.

Projekt bleibt trotz Beschluss mit vielen offenen Fragen verbunden

Mit dem Votum des Stadtparlaments ist die grundsätzliche politische Entscheidung in Gießen gefallen. Bis tatsächlich gebaut werden kann, bleiben jedoch zentrale Fragen offen.

Dazu gehören insbesondere die Suche nach Investor und Betreiber, die konkrete Ausgestaltung der Energieversorgung, die Nutzung der Abwärme sowie die Auswirkungen auf Anwohner und Umwelt. Genau an diesen Punkten dürfte die politische und öffentliche Debatte um das Großprojekt weitergehen. (red)