GELNHAUSEN

Wenn der Ernstfall kommt: Sind unsere Unternehmen wirklich vorbereitet?

Beim Unternehmenstag Bevölkerungsschutz nahmen Vertreterinnen und Vertreter heimischer Unternehmen, der Kreisverwaltung und der Kommunen die Gelegenheit zum Austausch wahr.
Foto: Main-Kinzig-Kreis
von Redaktion Kinzig News


Montag, 31.08.2026

Stromausfall, Cyberangriff, Krieg oder Naturkatastrophe – Krisen machen nicht vor Werkstoren und Bürotüren halt. Beim ersten Unternehmenstag Bevölkerungsschutz im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen ging es deshalb um eine unbequeme Frage: Was passiert, wenn plötzlich nichts mehr läuft?

Rund 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Verwaltung haben sich damit beschäftigt, wie sich Betriebe auf Krisen vorbereiten und zugleich bei deren Bewältigung helfen können. Eingeladen hatten der Main-Kinzig-Kreis, die IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern sowie die Kreishandwerkerschaften Hanau und Gelnhausen-Schlüchtern. Das Motto: „Krise und Verteidigungsfall. Betrifft das auch unseren Betrieb?“

Premiere mit einer klaren Botschaft

„Diese Veranstaltung ist eine Premiere“, sagte Dr. Wolfgang Lenz, Leiter des Amtes für Gesundheit und Gefahrenabwehr, der zugleich die Grüße von Landrat Thorsten Stolz überbrachte.

Mit dem jährlichen Bevölkerungsschutztag richtet sich der Main-Kinzig-Kreis mit seinen Städten und Gemeinden bereits an die Bürgerinnen und Bürger. Im Mittelpunkt stehen Sensibilisierung, Vorsorge und Selbsthilfe – etwa durch Bevorratung für Situationen, in denen die gewohnte Versorgung nicht funktioniert.

Dass der Bevölkerungsschutztag im Juni wegen großer Hitze weniger Menschen erreichte, sei kein Grund, das Format infrage zu stellen, betonte Lenz. Im Gegenteil: Gerade die damalige Hitzewelle habe gezeigt, wie wichtig die Vorbereitung auf Ausnahmesituationen sei.

Vom Waldbrand bis zum Verteidigungsfall

Die Aufgaben der Gefahrenabwehr hätten sich verändert, machte Lenz deutlich. Neben Naturereignissen, Unfällen und Pandemien müssten heute auch mögliche Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen und hybrider Bedrohungen berücksichtigt werden.

Das verlange eine neue Perspektive auf die Gefahrenabwehrplanung – auch gemeinsam mit den Städten und Gemeinden im Kreis.

Denn Unternehmen könnten selbst unmittelbar betroffen sein, etwa wenn Gebäude oder wichtige Infrastruktur beschädigt werden. Gleichzeitig könnten Schäden in einem Betrieb Auswirkungen auf die Umgebung haben.

Doch Unternehmen seien nicht nur mögliche Opfer einer Krise. Gerade bei Naturkatastrophen hätten sie immer wieder bewiesen, dass sie bei der Bewältigung schwieriger Situationen helfen können.

Für die Gefahrenabwehr sei deshalb zunächst zweitrangig, wodurch ein Ereignis ausgelöst werde. Lenz brachte es auf einen einfachen Nenner: „Wenn der Wald brennt, geht es nicht darum, wer es gemacht hat, sondern darum, ihn zu löschen.“

Wenn plötzlich die Beschäftigten fehlen

Was eine verschärfte sicherheitspolitische Lage für die Wirtschaft bedeuten könnte, erläuterte Dr. Gunther Quidde, Hauptgeschäftsführer der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern und Oberst der Reserve.

Am Beispiel des Operationsplans Deutschland zeigte er mögliche Auswirkungen eines Bündnisfalls auf. Deutschland könnte eine wichtige Rolle bei der Verlegung und Versorgung von NATO-Kräften übernehmen.

Das hätte Folgen weit über das Militär hinaus: Verkehrswege und logistische Kapazitäten könnten stark beansprucht werden. Speditionen und Fahrer, die für militärische Transporte benötigt würden, könnten für zivile Aufträge fehlen.

Beschäftigte, die sich bei Feuerwehr, Rettungsdiensten oder anderen Organisationen der Gefahrenabwehr engagieren, könnten im Krisenfall dringend gebraucht werden. Betriebe müssten sich daher frühzeitig fragen, wie sie den Ausfall von Menschen in wichtigen Schlüsselpositionen auffangen können.

Die unsichtbare Gefahr: hybride Angriffe

Einen besonderen Blick richtete Quidde auf hybride Bedrohungen. Cyberangriffe, Desinformation oder andere Formen der Einflussnahme können Unternehmen treffen, ohne dass unmittelbar ein Gebäude beschädigt oder eine Straße blockiert wird.

Für Betriebe bedeutet das: Krisenvorsorge muss heute deutlich weiter gedacht werden als früher.

Wenn der Handwerker plötzlich zum Krisenhelfer wird

Anett Kuykendall, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern, lenkte den Blick auf einen Bereich, der bei der Krisenvorsorge häufig unterschätzt werde: das Handwerk.

Dabei wird dessen Bedeutung gerade im Ernstfall schnell sichtbar. Wenn die Heizung ausfällt, der Strom weg ist oder Gebäude beschädigt werden, sind Handwerkerinnen und Handwerker gefragt.

Doch Krisen verlangen nicht nur Fachwissen, sondern auch die Fähigkeit, schnell und pragmatisch zu handeln.

„Wir müssen wieder lernen, kritisch zu hinterfragen und mitzudenken, aber auch zu schauen: Sind Vorgaben und Regularien in Krisensituationen überhaupt umsetzbar?“, sagte Kuykendall.

Im Ernstfall müsse klar sein: Was kann getan werden? Wer übernimmt Verantwortung? Und welche Regeln helfen tatsächlich weiter?

Auch Wolfgang Lenz griff diesen Gedanken auf. In einer Krise komme es darauf an, pragmatisch zu bleiben und dafür zu sorgen, „dass der Laden läuft“.

Drei Workshops, viele offene Fragen

Anschließend ging es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Workshops weiter. Im Mittelpunkt standen drei zentrale Themen:

Die Ergebnisse wurden anschließend zusammengetragen und intensiv diskutiert.

Ein Dialog, der weitergehen soll

Genau dieser Austausch zwischen Wirtschaft, Handwerk und Verwaltung war eines der wichtigsten Ziele des ersten Unternehmenstags Bevölkerungsschutz.

Denn eines wurde bei der Premiere deutlich: Krisenvorsorge ist keine Aufgabe, die eine einzelne Stelle allein bewältigen kann.

Der erste Unternehmenstag soll deshalb nicht der letzte gewesen sein. Auch aus Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer soll der begonnene Dialog fortgesetzt werden.

Zum Abschluss ging der Dank an die beteiligten Kooperationspartner sowie an das Organisationsteam um Kristine Martel, Manuela Möller und Geeta Chatterjee, die die Veranstaltung vorbereitet und organisiert hatten.