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So kämpft Rechtsanwältin Zümrüt Turan-Schnieders vor Gericht für Frauen, die häusliche Gewalt erleben

Zümrüt Turan-Schnieders kämpft vor Gericht für Frauen, die häusliche Gewalt erleben.
Foto: MKK-Pressestelle


Donnerstag, 03.09.2026

„Du bist dumm“, „Ich nehme dir die Kinder weg“ oder „Deine Freundinnen sind nicht gut für dich“: Häusliche Gewalt beginnt oft nicht mit Schlägen, sondern mit Kontrolle und Herabwürdigung.

Zümrüt Turan-Schnieders, Familienrechtlerin aus Hanau, vertritt seit mehr als 35 Jahren Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben und kennt ihre Geschichten. Anlässlich des 25. Stadtlaufs Hanau am 18. September unter der Schirmherrschaft von Landrat Thorsten Stolz und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky erklärt sie im Interview, warum die Trennungsphase besonders gefährlich sein kann, weshalb Täterarbeit aus ihrer Sicht unverzichtbar ist und wie sich Gewalt verhindern ließe.

Sie beschäftigen sich seit mehr als 35 Jahren als Familienrechtlerin mit häuslicher Gewalt. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Zümrüt Turan-Schnieders: Als ich angefangen habe, wurde häusliche Gewalt oft als Privatsache betrachtet und vor allem im migrantischen oder sozial schwachen Umfeld verortet. Doch das stimmt nicht. Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten. Vieles ist nach wie vor schwierig, aber wir kommen voran – in Babyschritten. Was ich in all den Jahren gelernt habe: Es gibt Muster. Gewalt beginnt nicht erst mit dem ersten Schlag. Gewaltbeziehungen beginnen mit sehr subtilen Dingen, die viele zunächst gar nicht ernst nehmen.

Woran erkennen Sie, dass eine Beziehung in eine gefährliche Richtung kippt?

Zümrüt Turan-Schnieders: Wenn Besitzansprüche da sind und ein Mann seine Partnerin vor den Kindern herabwürdigt, ihr sagt: „Du kannst das nicht“ oder „Du bist dumm“, dann sind das Warnzeichen. Dasselbe gilt für Kontrollverhalten, für Sätze wie „Ich nehme dir die Kinder weg“ oder „Ich lass dich ausweisen“. Wenn ein Mann heimlich Nachrichten liest, den Standort seiner Partnerin verfolgt oder ungehalten wird, wenn sie nicht sofort ans Telefon geht, ist das ebenfalls ein Warnsignal. Oft beginnt so auch eine soziale Isolation. Eine Kollegin beschreibt in einem ihrer Bücher eine junge Frau, die über ihren Mann denkt: „Das ist mein Prinz.“ Sie stellt ihn ihren Freundinnen vor, und er sagt: „Die sind nicht gut für dich.“

Warum fällt es vielen Frauen schwer, solche Warnzeichen frühzeitig zu erkennen?

Zümrüt Turan-Schnieders: Oft ist den Frauen gar nicht bewusst, dass sie Gewalt ausgesetzt sind. Ihr Mann ist der Mensch, der ihnen am nächsten steht. Die unabhängige junge Frau vertraut ihrem Mann und seinem Urteil. Vor allem gut situierte Frauen können Gewalt nicht mit ihrem Selbstbild oder sozialen Status in Einklang bringen. Hinzu kommt, dass das Umfeld möglicherweise Gewalt verharmlost. Da fallen Sätze wie: „Männer sind halt so“ oder „Wenn er dich schlägt, liebt er dich.“

Warum ist gerade die Trennungsphase so gefährlich?

Zümrüt Turan-Schnieders: Die Zeit von dem Moment an, in dem eine Frau die Polizei ruft, bis zur Scheidung ist die gefährlichste Zeit für Frauen, aber nur wenige Gerichte begreifen das. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Polizei beim Umgang mit häuslicher Gewalt einen Quantensprung gemacht. Die Beamten haben gelernt, Frauen getrennt von ihren Männern zu befragen, die Kinder nicht als Dolmetscher einzusetzen und nach klaren Handlungsleitlinien vorzugehen. Sie folgen dem Grundsatz: „Wer schlägt, der geht.“

Die Frau braucht eine Wegweisungsverfügung. Dann muss der Mann die Wohnung verlassen und darf sich der Frau und den Kindern zunächst 14 Tage lang nicht nähern. In dieser Zeit sollen die Frau und die Kinder zur Ruhe kommen, sich beraten lassen und überlegen, wie es weitergeht. Viele Männer wollen nach diesen 14 Tagen allerdings zurück in die Familie. Ab dem Polizeieinsatz sind Frauen einer starken Gefährdung ausgesetzt. Wenn Kinder da sind und die Männer das Umgangsrecht haben, kann jede Übergabe der Kinder gefährlich sein. Vor Gericht ist die Situation für Frauen schwierig, weil sie ihrem gewalttätigen Partner begegnen und befürchten müssen, dass er sie vor oder nach dem Termin abfängt.

Warum ist es schwierig, Frauen früh zu schützen?

Zümrüt Turan-Schnieders: Frauen brauchen Beweise. Vor Gericht reicht es nicht aus, wenn eine Frau sagt: „Er hat mich geschlagen.“ Verletzungen müssen gerichtsfest dokumentiert sein. Aussage steht oft gegen Aussage. Das macht es schwierig, Frauen zu schützen. Die Männer sagen: „Sie hat mich provoziert“ oder „Sie hat angefangen“ oder „Ich habe mich nur gewehrt.“ Deshalb bleibt die Anwendung des Gewaltschutzgesetzes in vielen Fällen schwierig. Gerade in dieser Trennungsphase leisten Beratungsstellen und Frauenhäuser Großartiges.

Warum reicht es nicht aus, erst nach dem ersten Schlag einzugreifen – und welche Rolle spielt Täterarbeit?

Zümrüt Turan-Schnieders: Bis zum ersten Schlag, bei dem die Polizei gerufen wird, gibt es eine Lücke. Eigentlich gehört ein Mann, der herabwürdigt oder schubst, schon in ein Antiaggressionsprogramm. Seit 40 Jahren heißt es in der Frauenbewegung, dass Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen. Aber wir müssen uns auch fragen: Warum ist diese Gewalt passiert? Niemand wird als Gewalttäter geboren. Viele Männer, die häusliche Gewalt ausüben, haben selbst Gewalt erlebt oder waren Zeugen häuslicher Gewalt. Dann setzt sich die Gewalt oft über Generationen fort. In Tätergruppen öffnen sich Männer, und man kann an den Ursachen arbeiten. Nur die Symptome zu bekämpfen, bringt nichts.

Wenn Sie auf Ihre 35-jährige Arbeit blicken: Was müsste sich ändern, damit Gewalt gar nicht erst entsteht?

Zümrüt Turan-Schnieders: Ich bin der Meinung, dass Männer Männer korrigieren müssen. Sie müssen ihren Geschlechtsgenossen klarmachen, dass Gewalt nicht geht. Wir brauchen neue Männlichkeitsbilder und mehr Beziehungsbildung. Liebe sollte nicht verklärt, sondern als Partnerschaft begriffen werden, Eifersucht als Warnsignal und nicht als Liebesbeweis. Jungs sollten lernen, Grenzen zu achten, Gefühle auszudrücken und Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen Prävention statt Reaktion und mehr Täterarbeit. Wenn wir uns nicht klarmachen, dass Gewaltsituationen nach dem gleichen Muster verlaufen, wird sich nichts ändern. (red)