FULDA / MKK

Impuls von Stefan Buß: "Einander sehen" – Relief von Lioba Munz

Ich bin Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda.
Foto: Hendrik Urbin/KN
von STEFAN BUß


Mittwoch, 14.10.2026

Maria begegnet Elisabeth. Zwei Frauen. Zwei Lebensgeschichten. Zwei Generationen. Und doch geschieht in dieser Begegnung etwas ganz Besonderes: Sie sehen einander.

Schwester Lioba Munz hat diese Begegnung in einem Relief dargestellt. Auffällig sind die drei Augen der beiden Frauen. Es scheint, als hätten Maria und Elisabeth gemeinsam nur drei Augen. Das linke oder rechte Auge der einen wird zugleich zum Auge der anderen. Ein faszinierendes Bild.

Vielleicht will es uns sagen: Wenn ich einem Menschen wirklich begegne, dann sehe ich nicht mehr nur mit meinen eigenen Augen. Ich lerne, mit den Augen des anderen zu sehen.

Maria sieht Elisabeth – und Elisabeth sieht Maria. Sie sehen nicht nur das Äußere. Sie sehen, was im Herzen des anderen geschieht. Sie erkennen etwas von Gottes Wirken im Leben der anderen. Elisabeth erkennt in Maria die Mutter ihres Herrn. Und Maria erkennt in Elisabeth eine Frau, die ebenfalls etwas Unbegreifliches mit Gott erlebt.

Beide hätten allen Grund, sich zu vergleichen: Wer ist wichtiger? Wer hat die größere Geschichte? Wer ist gesegneter? Doch davon ist nichts zu spüren. Stattdessen: Freude über die andere. Anerkennung. Staunen. Nähe.

Das dritte Auge im Relief könnte deshalb für etwas stehen, das wir heute dringend brauchen: das gemeinsame Sehen. Wie schnell sehen wir einen Menschen nur aus unserer Perspektive. Wir sehen seine Fehler, seine Schwächen, seine Vergangenheit. Wir sehen das, was uns trennt.

Aber wie wäre es, wenn wir manchmal versuchen würden, durch die Augen des anderen zu sehen? Was hat dieser Mensch erlebt? Was trägt er mit sich? Wonach sehnt er sich? Wo wirkt Gott vielleicht schon längst in seinem Leben? Maria und Elisabeth zeigen uns: Eine Begegnung wird dort tief, wo Menschen einander nicht beurteilen, sondern wahrnehmen.

Vielleicht ist das die Botschaft dieser drei Augen: Ich brauche deine Augen, damit ich mehr sehe. Du brauchst meine Augen, damit auch du dich selbst anders sehen kannst. Und gemeinsam können wir etwas sehen, was keiner allein erkennt.

Gerade deshalb ist dieses Relief auch ein Bild für die Kirche: Wir brauchen nicht alle denselben Blick. Wir brauchen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Wenn wir einander wirklich zuhören und miteinander sehen lernen, kann etwas Größeres entstehen.

Maria und Elisabeth begegnen sich innig. Und vielleicht lädt uns dieses Bild heute zu einer einfachen Frage ein: Wem könnte ich in diesen Tagen mit anderen Augen begegnen? Vielleicht einem Menschen, mit dem ich mich schwer tue. Vielleicht jemandem, den ich vorschnell beurteilt habe. Vielleicht einem Menschen, der meine Aufmerksamkeit braucht.

Denn manchmal beginnt eine neue Beziehung mit einem ganz einfachen Schritt: Ich schaue dich an. Ich sehe dich. Und ich versuche, die Welt auch mit deinen Augen zu sehen.