"Wichtig voneinander zu wissen und zu lernen“

Bischöfin Beate Hofmann besucht Jüdische Gemeinde Hanau

(von links) Pfarrer Dr. Manuel Goldmann, Claudia Brinkmann-Weiß, Irina Pisarevska,, Bischöfin Dr. Beate Hofmann, Rabbiner Shimon Großberg und Oliver Dainow - Foto: privat


Sonntag, 31.10.2021

HANAU - Sie ist eine der kleinsten und die jüngste Gemeinde im Landesverband, aber eine der aktivsten: die Jüdische Gemeinde in Hanau. Im Gemeindezentrum waren die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Dr. Beate Hofmann, Claudia Brinkmann-Weiß, Dezernentin für Diakonie und Ökumene in der EKKW, und Pfarrer Dr. Manuel Goldmann für den christlich-jüdischen Dialog der Landeskirche zu Gast bei Rabbiner Shimon Großberg, Oliver Dainow, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau, und Irina Pisarevska, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hanau.

Erstes persönliches Treffen und Kennenlernen

Bischöfin Hofmann, die zum ersten Mal die Jüdische Gemeinde in Hanau besuchte, sagte, mit dem Treffen ginge ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Es sei schön und wichtig, sich persönlich zu begegnen, ins Gespräch zu kommen, voneinander zu wissen und zu lernen. Im zweistündigen Austausch mit Oliver Dainow, Rabbiner Großberg und Irina Pisarevska kamen ganz unterschiedliche Themen zur Sprache: die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde 2005, das Festjahr 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland, die über 400-jährige Tradition in Hanau und das Wirken Moritz Daniel Oppenheims, der als erster Maler Zeitzeugnisse jüdischen Lebens darstellte. Auch Fragen zu Sicherheitsstandards jüdischer Einrichtungen, zu stereotypen Darstellungen und zur Voreingenommenheit gegenüber Juden wurden thematisiert.

Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde 2005

Es sei eine echte Mammutaufgabe gewesen, 2005 in Hanau eine Jüdische Gemeinde zu gründen und jüdisches Leben wiederzubeleben, schilderte Oliver Dainow. Ohne die unermüdliche Arbeit des Vorstands und des Rabbiners hätte sich hier kein Gemeindeleben etablieren können. Inzwischen gebe es vielfältige Angebote, die bis in die Stadtgesellschaft hineinreichten wie die jüdischen Kulturwochen, das jüdische Lehrhaus oder der Tag der offenen Tür.

63 Gründungsmitglieder waren es 2005, als die Thora-Rolle in die Synagoge getragen wurde. Heute sind es nach Angaben der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 204 Mitglieder, die in und um Hanau leben. Die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland basiere zu einem überwiegenden Teil auf Zuwanderung. In den 1990er-Jahren emigrierten die sogenannten „Kontingentflüchtlinge“ aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Auf die jüdischen Gemeinden und Verbände kam eine zweifache Aufgabe zu: die Integration in das deutsche Alltagsleben und in die jüdische Religion, denn in der Sowjetunion gab es kein offenes jüdisches Gemeindeleben, erinnerte Dainow. Viele religiöse Traditionen – Feiertage, Gebete, Rituale – mussten daher neu eingeübt werden.

Die Jüdische Gemeinde in Hanau sei eine sehr offene Gemeinde, die regelmäßig Führungen anbiete. Bedingt durch die Pandemie seien Begegnungen außerhalb des digitalen Raumes nicht mehr möglich gewesen. Seit Kurzem gebe es daher mit „Judentum Digital“ die einzigartige Möglichkeit, die Gemeinde und die Synagoge virtuell zu besuchen und einiges über jüdische Rituale und jüdische Feiertage zu erfahren, sagte Dainow.

Wie viele Juden leben in Deutschland?

Das diesjährige Festjahr 1700 Jahre Judentum in Deutschland weite den Blick auf die große kulturelle Vielfalt des Judentums. Das sind für Oliver Dainow positive Aspekte. Er hofft, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung dadurch nicht mehr nur auf wenige Stereotype reduziert werden. Wichtig sei es weiterhin, Begegnungen zu initiieren und mit Projekten an Schulen zu gehen. Viele wüssten nicht, dass nur rund 200.000 Juden in Deutschland leben.

Rabbiner Großberg: „Den Menschen ein jüdisches Selbstbewusstsein geben“

Rabbiner Shimon Großberg ist ein reisender Rabbiner und viel unterwegs. Er betreut mehrere Jüdische Gemeinden. Rabbiner Großberg kam aus der Ukraine nach Deutschland, er spricht russisch, hebräisch, jiddisch und deutsch. Seine Kinder sind in Deutschland geboren. Mitunter werde er mit der Frage konfrontiert, wie er in Deutschland angesichts der historischen Erfahrungen arbeiten könne. „Ich bin dankbar, in einer Demokratie arbeiten und leben zu dürfen“, machte Großberg deutlich. Zu Beginn habe er sich gewundert, dass andere Glaubensgemeinschaften das Gespräch suchen würden. Etwas, was er aus der Ukraine nicht kannte. Zu vielen christlichen und muslimischen Gemeinden hätten sich gute Beziehungen ergeben, er habe ein gutes Verhältnis zum Bischof in Osnabrück gehabt, als er dort seine erste Tätigkeit als Rabbiner in Deutschland begann, schilderte der Rabbiner und ergänzte: „Meine Aufgabe ist es in erster Linie, den Menschen ein jüdisches Selbstbewusstsein zu geben und sich hier zu integrieren, nicht zu assimilieren.“

Kleine und große Probleme bleiben

Anschläge wie in Halle oder die Bombendrohung am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Hagen untergraben dieses Selbstbewusstsein, sagte Oliver Dainow. Aber deshalb gehen? „Wo ist es denn besser und sicherer?“, fragt Dainow. Er verstehe sich als Deutscher jüdischen Glaubens und sei nicht bereit, „denen das Feld zu überlassen, die uns hier nicht haben wollen“. Für Bischöfin Hofmann wurde deutlich, „dass es viel Kraft braucht, die Gemeinde zu entwickeln und gleichzeitig nach außen in den Dialog mit anderen zu gehen“. Wachsendem Antisemitismus gelte es, entschieden entgegenzutreten: „Menschen aus allen Religionen und Kulturen sollen in Deutschland friedlich und ohne Angst miteinander leben. Dafür stehen wir als evangelische Kirche ein.“ (pm)

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