Gesamtdimension vergleichbar mit 2015

MKK benötigt größere Einrichtungen für neue Geflüchtete

Es fehlt an Unterkünften wie hier die Turnhalle der Heinrich-Böll-Schule in Bruchköbel. - Archivfoto: KN


Donnerstag, 29.09.2022

MAIN-KINZIG-KREIS - Das Land Hessen hat den Kreisen und kreisfreien Städten vergangene Woche eine erste Nachricht gegeben, mit welchen Zahlen an neu ankommenden Flüchtlingen sie bis Jahresende zu rechnen haben. Demnach werde sich die Gesamtzahl gegenüber dem dritten Quartal etwa verdoppeln.

„Diese Ankündigung ist schon sehr außergewöhnlich, vor allem mit Blick auf die Städte und Gemeinden und die Beschäftigten in den Verwaltungen. Es ist schon jetzt eine enorme Anstrengung für alle Beteiligten, und diese scheint sich im Winter jetzt noch einmal zu verstärken“, erklärt Landrat Thorsten Stolz. „Wir werden perspektivisch nicht drum herumkommen: Wir müssen die Flüchtlingsunterbringung breiter auf mehr Schultern im Land verteilen. Und wir werden als Main-Kinzig-Kreis neue Einrichtungen kurz- und mittelfristig schaffen müssen, denn wir wollen keine weiteren Turnhallen belegen.“

Stolz: "Erst einmal sacken lassen"

Er habe die Meldung aus dem Hessischen Sozialministerium „erst einmal sacken lassen müssen“, sagt Thorsten Stolz. Er erinnert daran, dass sich im Landkreis binnen sieben Monaten mehr als 6.000 Menschen alleine aus der Ukraine hatten registrieren lassen. Mehr als 5.000 von ihnen sind dauerhaft in Wohnungen und Einrichtungen der Kommunen wie auch des Main-Kinzig-Kreises untergebracht worden. Um diese Menschen zügig unterzubringen, zu versorgen, zu registrieren, zu beraten und mit den ihnen zustehenden Leistungen zu versorgen, hat der Main-Kinzig-Kreis in kurzer Zeit Personal aus anderen Bereichen der Verwaltung zusammengezogen und auch neu eingestellt. Gleiches hätten die Kommunen in ihrer Verantwortung getan. „Das hat Kräfte gebunden und natürlich den Verwaltungen auch viel Kraft gekostet“, so Stolz.

Parallel dazu wurden den Gebietskörperschaften das ganze Jahr über, wie bisher auch, Flüchtlinge aus anderen Ländern zugeteilt. Über einen längeren Zeitraum hinweg sind das etwa 100 bis 150 Personen im Monat gewesen. Nach der jüngsten Ankündigung aus Wiesbaden von vergangenem Freitag werden es nun etwa 120 sein, und zwar allein für diese Woche. In dieser Größenordnung wird es in den kommenden Wochen weitergehen.

Gesamtdimension vergleichbar mit 2015

Die Herkunftsländer der Geflüchteten sind vor allem Afghanistan, Irak, Syrien, Iran und die Türkei. „Wir müssen jetzt von vergleichbar hohen Zahlen an neu Ankommenden jede Woche ausgehen, was wir so zwar vermuten konnten, aber erst in der vergangenen Woche auch tatsächlich vom Land Hessen so bestätigt bekommen haben“, erklärt Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, die hinzufügt, dass die Zahl der zugeteilten Vertriebenen aus der Ukraine im Gegensatz dazu eher leicht rückläufig sei. Dennoch: Die Gesamtdimension sei im Moment vergleichbar mit 2015. Der bedeutende Unterschied sei, dass es bereits in diesem Spätsommer ganz massiv an Wohnraum fehle. Mittlerweile gerate die Suche nach freien Kapazitäten in Bestandsgebäuden praktisch allerorts an Grenzen, so Simmler.

Der Verwaltungsstab des Kreises hat im engen Austausch mit den Städten und Gemeinden bereits über den eigenständigen Ausbau von Unterbringungen gesprochen beziehungsweise diesen vorbereitet. Im ersten Schritt wird der Kreis im Oktober eine Fläche nahe der Gelnhäuser Kreisrealschule mit einer Leichtbauhalle versehen, die als zusätzliche Notunterkunft dienen wird. Weitere Projekte befinden sich in der Abstimmung. Durch die mögliche Verdopplung der Zuweisungszahlen muss der Kreis diese Planung neu justieren.

Aktuell keine Objekte in Aussicht

Neben Notunterkünften braucht es vor Ort im größeren Stil dauerhafteren Wohnraum in Form von Gemeinschaftseinrichtungen. Binnen sieben Monate hat der Main-Kinzig-Kreis bereits zehn solcher Einrichtungen in Betrieb gebracht. Dazu wurden beispielsweise ehemalige Hotels umgewidmet. Mögliche weitere Objekte im Bestand hat der Kreis nun nicht mehr in Aussicht. Sollen weitere neue Wohngelegenheiten entstehen, mit denen der Kreis den Kommunen die Aufgabe der dezentralen Unterbringung zeitlich etwas abmildert, dann werden es nach den Worten von Landrat Thorsten Stolz eher Wohnmodule oder Leichtbauhallen sein.

„Wir haben als Main-Kinzig-Kreis einen klaren Kompass: Die Menschen, die zu uns kommen, suchen Schutz und Hilfe, und wir geben ihnen das. Das ist unsere Verpflichtung und Überzeugung“, fasst es Susanne Simmler zusammen. Der Kreis werde allerdings bei der Unterbringung der Geflüchteten von der bisherigen Linie abweichen müssen. Die sei auf vor allem kleinteiligen Wohnraum hinausgelaufen. Angesichts der prognostizierten Zahlen brauche es nun vor allem die großen Objekte, die der Landkreis im Schulterschluss und gemeinsam mit der kommunalen Familie in kurzer Zeit in der Fläche errichten will. „Was Priorität hat, nämlich Obdach, Schutz und Hilfe, steht weiter an erster Stelle. Die Menschen flüchten, weil in ihrem Land Krieg herrscht, weil sie verfolgt werden, weil ihr Leben bedroht ist. Wir helfen ihnen dabei, zur Ruhe zu kommen und das an Hilfe zu erhalten, was sie am dringendsten brauchen.“

Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ausgelastet

Das Land Hessen begründet die zu erwartende deutliche Erhöhung der Flüchtlings-Zuweisungen mit der hohen Auslastung der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Die Kreisspitze fände es daher nur konsequent, wenn das Land Hessen seine Außenstellen der Gießener Einrichtung wieder erweitern würde. Damit lasse sich mehr Planbarkeit für die Kommunen schaffen.

„Was wir vor Ort brauchen, ist ein Signal aus Wiesbaden und Berlin: Die Kommunen und Kreise, die  aktuell in großer Zahl Menschen aufnehmen und unterbringen wie wir im Main-Kinzig-Kreis, werden kapazitär entlastet und bekommen auch die volle und sichtbare Rückendeckung für ihre Arbeit und ihre Entscheidungen“, so Stolz. „Am Ende geht es darum, dass wir die Aufgabe der Unterbringung, Versorgung und Betreuung auf möglichst viele Schultern verteilen, im gesamten Landesgebiet. Dazu zählen natürlich auch die Schultern des Landes Hessen. Wir müssen im Verbund die Kapazitäten zur Unterbringung von Vertriebenen erhöhen. Das darf als Aufgabe nicht alleine bei einzelnen Kommunen und Kreisen bleiben.“ (pm)

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