Ein Stück Spessart im Picknickkorb

"Hessen-Pionier" Hans Hess aus Jossgrund setzt auf Regionalität

Hans Hess aus Jossgrund ist ein echter Hessen-Pionier. - Foto: HA Hessen Tourismus


Mittwoch, 09.11.2022

JOSSGRUND - Mit der Kampagne „Ideengarten“ möchte die Abteilung Hessen Tourismus der HA Hessen Agentur GmbH deutlich auf die enormen Potenziale des Tourismus im ländlichen Raum hinweisen. Sogenannte „Hessen-Pionierinnen“ und „Hessen-Pioniere“ dienen dabei als Inspiration und zeigen, wie man eigene Herzensprojekte in Hessens ländlichem Raum erfolgreich umsetzt und mit einem neuen Angebot einen Beitrag zu nachhaltigem und wertschätzendem Tourismus leistet.

Eine solcher „Pionier“ für Tourismusprojekte in Hessens ländlichem Raum ist auch Hans Hess aus Jossgrund im Spessart. Hermann Hess aus Jossgrund im Spessart ist Diplom-Designer und war vor seinem Studium in der Gastronomie tätig. Zuletzt war der „Hessen-Pionier“ Betriebsleiter mit 50 Mitarbeitenden in Hanau. Heute betreibt er den Ein | Laden, einen kleinen Dorfladen im 800-Seelen-Dorf Jossgrund. „Mein Lebenstraum“, sagt Hess selbst.

Weg vom Basis-Sortiment, hin zu regionalen Produkten


„Als im Dorf der letzte Nahversorger, ein Backshop eines Bäckers aus dem Nachbardorf, weggefallen ist, wurde die Gemeinde aktiv“, sagt er. Schließlich fand sich ein Betreiber, der im ehemaligen Backshop einen kleinen Supermarkt mit internationalen Produkten eröffnete. Nach einem Jahr folgte aber bereits die Schließung. Und so kam Hans Hess ins Spiel. „Für mich war klar, dass ich das Konzept komplett umkrempeln will – weg von den No-Name-Sachen aus aller Welt, hin zu regionalen Produkten aus dem Spessart“, erklärt Hans Hess. Vom Frühstück über die Wegzehrung für Wanderinnen und Wanderer bis hin zum abendlichen Grillfest – die Produkte für den Regiomaten und die Regionalecke sollten allesamt aus dem Spessart kommen.

Wie lockt man die Kunden von außerhalb?


Einen kleinen Dorfladen wirtschaftlich so aufzustellen, dass man eine Familie damit ernähren und sich eine Rente sichern kann, sei eine große unternehmerische Herausforderung, so Hess. „Wir sind hier nicht auf der Zeil in Frankfurt, wo täglich Tausende in den Laden kommen. Hier kommen vielleicht 30 vorbei“, erzählt er. Daher müsse man von Anfang an überlegen, wie man die Menschen von außerhalb für das Projekt begeistert.

Das funktioniere nur über die Produkte, die so gut und regional sein müssen, dass Gäste extra in den Spessart kommen. „Wenn ich Menschen hierher einlade und sage: ,Hier könnt Ihr Spessart erleben‘, dann muss ich auch Spessart anbieten“, so Hess. Die Produkte spiegeln die Region wider. „Es gibt innovative, junge Getränkehersteller, Landwirtschafts- und Bäckereibetriebe, die in siebter Generation handwerkliche Backwaren aus regionalen Ressourcen herstellen. Da steckt regionale Identität drin – und genau das wollen wir stärken, indem wir Einwohnerinnen und Einwohner sowie Touristinnen und Touristen das gesamte Portfolio des Spessarts präsentieren“, erklärt Hans Hess.

Nachhaltige Angebote für Touristen und Tagesgäste


Inzwischen gibt es außerdem eine Kooperation mit dem Bergdorf Spessart, einem modernen Feriendorf im Nachbardorf. Bei der Buchung haben Gäste die Möglichkeit, regionale Produkte über den Onlineshops des Ein | Ladens zu bestellen, beispielsweise Milch für das Frühstück oder Grillgut fürs Abendessen. „Wir liefern sie dann an“, erklärt „Hessen-Pionier“ Hans Hess. Während des ersten Corona-Lockdowns bot der Ein | Laden obendrein einen Picknickkorb als Wegzehrung für Gäste, die Wanderungen oder Radtouren durch den Spessart unternommen haben.

Die Gäste erhalten zu ihrem feinen Proviant aus dem Spessart dann Edelstahl-Brotboxen, wiederverwendbare Gläser, goldene Messer und Gabeln. „Als Designer sehe ich die Nachhaltigkeit als Dreieck mit drei Aspekten: Ökologie, Sozio-Kulturelles und Wirtschaftlichkeit. Was nutzt ein gutes Konzept wie der Picknickkorb, wenn dafür dann der Müll in der Landschaft landet und unserer Natur zerstört?“, so Hess. Entsprechend sei der wichtigste Aspekt die Ökologie. Doch auch die Frage nach regionaler und lokaler Identität treibt Hess um: „Was macht den Spessart aus und wie können wir ihn sozial und kulturell erhalten? Aber: Am Ende geht es auch immer um die Wirtschaftlichkeit, um Löhne, Rente und Lebensunterhalt“, so Hess.

Die Logistik auf dem Land ist eine besondere Herausforderung


Eine der größten Herausforderung auf dem Land sei die Logistik. „Wir müssen gut planen, wie die Produkte von A nach B kommen und wie das Ganze noch wirtschaftlich und ökologisch bleibt“, so Hess. Einmal pro Woche fährt er eine große Tour, sammelt die Produkte bei etwa 15 Erzeugerinnen und Erzeugern ein und liefert gleichzeitig aus. Durch logistische Knotenpunkte – darunter auch der Ein | Laden in Jossgrund – lässt sich die Logistik optimieren. So nimmt er regelmäßig Produkte für einen Milchbetrieb mit auf Tour. Aufgrund der steigenden Benzin- und Energiepreise halten die Erzeugerinnen und Erzeuger im Spessart noch mehr zusammen.

„Beispielsweise gibt es verschiedene Ziegenbauern in der Region, die sich an einer Tankstelle in der Mitte ihrer Höfe treffen, um Produkte auszutauschen“, berichtet Hans Hess. „Von der Kooperation profitieren alle.“ Aktuell sucht Hess nach weiteren Erzeugerinnen und Erzeugern, besonders Gemüsebäuerinnen und -bauern für eine regionale Saisonkiste. Hess probiert immer wieder Neues aus. So nutzte er auch ein E-Lastenrad, um Waren vom Metzger abzuholen.

Für sein Marketing setzt Hess voll auf Social Media. „Dort erreiche ich mit wenig Aufwand und Mitteln genau die Zielgruppe, die interessant für uns ist“, erklärt Hess. „Im Mittelpunkt stehen immer die Produkte, nicht das Unternehmen Ein | Laden. Die Geschichte der Produkte zu erzählen – wo sie herkommen, wie sie hergestellt werden – das ist Storytelling.“

Die Empfehlung von Hans Hess: „Einfach machen!“ Jedes Unternehmen sei zunächst ein finanzielles Risiko. „Wer sich auf dem Land selbstständig macht, trifft eine Lebensentscheidung. Für mich ist sie genau richtig. Ich verbringe viel Zeit mit meinen Kindern, lange Fahrten zur Arbeit fallen weg. Die Rahmenbedingungen sind völlig andere“, bilanziert Hess. „Ich bin direkt im Ort tätig, lerne viele Menschen kennen, habe viel Freiheit. Das wiegt auch anstrengende Momente auf.“ (red)

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