"Ich habe meinen Job gemacht"

Carsten Ullrichs Amtszeit als Sinntaler Bürgermeister endet

Bürgermeister Carsten Ullrich nur noch wenige Tage am Chefsessel des Rathauses Sterbfritz - Fotos: Walter Dörr/ privat


Freitag, 18.11.2022
von WALTER DÖRR

SINNTAL - Wenn man seinen Arbeitsplatz aufgibt, ist es doch sicherlich legitim, das Ganze locker ausklingen zu lassen, seinen Resturlaub zu genießen und noch anstehende Überstunden abzufeiern. Eigentlich. Als KINZIG.NEWS den Sinntaler Bürgermeister Carsten Ullrich für einen Gesprächstermin kontaktierte, mussten wir feststellen, dass das Zeitmanagement in Ullrichs Tablet immer noch raucht.

„Es ist der normale Wahnsinn. Der Kalender ist bis zum 13. Januar voll – vom Haushalt, Sonderprojekten wie IKEK, der Flüchtlingsunterbringung, die Gasmangellage bis zur Einarbeitung meines Nachfolgers Thomas Henfling. Meinen üppigen Resturlaub schenke ich der Gemeinde“, so Carsten Ullrich, der neben als Rathauschef in Sterbfritz noch Vorsitzender des Kreistages des Main-Kinzig-Kreises und auch als Kreisbrandmeister im Brandschutzaufsichts- und Führungsdienst des Main-Kinzig-Kreises/Ost ehrenamtlich tätig ist. Dann fand sich glücklicherweise doch noch ein Stündchen für ein Resümee, eine Bilanz und ein wenig Rückblick zu halten auf drei Legislaturperioden „Bürgermeister in Sinntal“.

Theatergastrolle bei Stoark Stoeck Jossa als Bürgermeister 2007
Theatergastrolle bei Stoark Stoeck Jossa als Bürgermeister 2007
Carsten Ullrich mit Heiligenschein in Breunings 2008
Carsten Ullrich mit Heiligenschein in Breunings 2008
Carsten Ullrich 2004
Carsten Ullrich 2004

Alles beginnt im September 2004

Die Geschichte begann am 26. September 2004, als der damals 29-jährige Meerholzer vom SPD Gemeindeverband Sinntal für die Direktwahl ins Rennen geschickt wurde – gegen den Sterbfritzer Heiko Kreß (CDU) und Dr. Reinhold Deuker (FDP) aus Weichersbach. Alle wollten den seitherigen Amtsinhaber Johann Heberling beerben. Nach der Stichwahl am 10. Oktober 2004 stand fest, dass Carsten Ullrich mit 66,66 Prozent der Stimmen gewonnen hat. Und so wurde aus dem selbständigen Arbeitsmarktberater und Referenten in der Erwachsenenbildung ab 2005 ein Bürgermeister. „Alles im Leben braucht eine Begrenzung“, sagt Carsten Ullrich. Schon bei seiner Antrittsrede damals habe er gesagt, dass er drei Legislaturperioden zur Verfügung stehen wolle.

Wahltechnisch klappte das auch, denn am 19. September 2010 erhielt er 85,68 Prozent gegen den Kandidaten Harald Knobel (14,32 Prozent) und ohne Gegenkandidaten erzielte Ullrich am 4. September 2016 84,14 Prozent. Jetzt, im Alter von 47 Jahren, will er für die verbleibenden zehn bis zwanzig Arbeitsjahre etwas Neues machen. Ullrich ist kein Freund von Superlativen, deshalb weicht er der Frage nach dem tollsten und dem schlechtesten Erlebnis aus. „Der Zeitraum ist zu lang. Der Job ist zu abwechslungsreich. Wir haben ganz viel auf den Weg gebracht.“ 

Wahlparty Bürgermeisterwahl Carsten Ullrich 2010
Wahlparty Bürgermeisterwahl Carsten Ullrich 2010
Carsten Ullrich mit Susanne Fröhlich Leseland Hessen 2016
Carsten Ullrich mit Susanne Fröhlich Leseland Hessen 2016
Carsten Ullrich beim Spendenlauf der Hans Elm-Schule auf Irrwegen 2011
Carsten Ullrich beim Spendenlauf der Hans Elm-Schule auf Irrwegen 2011

Viele Projekte auf den Weg gebracht

Und dann nennt er doch das Gesundheitszentrum Lebensbaum Sinntal, das trotz Hindernissen und Hürden als Leuchtturmprojekt (Seniorenwohnheim, Arztpraxis, ambulanter Pflegedienst, Notfall-Rettung und Begegnungs-Cafe) realisiert werden konnte. Mit 60 Plätzen Obergrenze wurde damals vorsichtig geplant, und man sehe heute, dass der Bedarf deutlich höher ist, so Ullrich. Durch die gute Zusammenarbeit in den Gremien und Fraktionen habe in Sinntal ein politisches Klima geherrscht, das man in anderen Kommunen so nicht hat. Egal welche Fraktion einen Antrag stellt, alle waren für ein Gemeinde-Ergebnis kompromissbereit und zogen an einem Strang. (Sehr zum Leidwesen der Lokalpresse, die oft vergeblich auf einen Skandal wartete.)

Carsten Ullrich räumte aber ein, dass sich das Klima deutlich verändert habe. Auch in der Sinntaler Gemeindevertretung sei der Begriff „Opposition“ eingeführt worden. In einer kleinen Kommune mit wenig Geld müsse fraktionsübergreifend Einigkeit darüber bestehen, was machbar ist. Die gebe es in Sinntal nicht mehr. Forderung könnten von der Verwaltung nicht abgearbeitet werden, Fachkräfte fehlten und seien sehr rar. Effizienz in der Verwaltung und mehr Mitarbeiter zahle der Bürger durch Steuern und Abgaben.

Große Pläne hatte Ullrich, aber 90 Prozent der Haushaltsausgaben flössen in die Infrastruktur (Straßenbau, Wasser- und Abwasserversorgung), sodass andere Projekte hintenanstehen mussten. Den Bau des Kindergartens „Sonnenschein“ und des Naturschwimmbads in Altengronau habe man geschafft. Besonders beim Schwimmbad hätten intensive Diskussionen stattgefunden, ob Sinntal ein zweites Schwimmbad brauche. Das andere Konzept „Naturbad“ sei zwar nicht die günstigste Sanierung gewesen, aber die Besucherzahlen des Bades zeigten jetzt, dass es ansprechend ist und dass nicht, wie befürchtet, weniger Besucher in Sterbfritz seien. „Das haben wir richtig gemacht“, ist Ullrich stolz. 

Carsten Ullrich als Mikrohalter für Doris Lauer Seniorenfasching Seniorenwohnheim Lebensbaum 2017
Carsten Ullrich als Mikrohalter für Doris Lauer Seniorenfasching Seniorenwohnheim Lebensbaum 2017
Pate Carsten Ullrich für die Hess. Beet- und Balkonpflanze 2016
Pate Carsten Ullrich für die Hess. Beet- und Balkonpflanze 2016
Carsten Ullrich mit den Promis bei Kinzigtal total 2019
Carsten Ullrich mit den Promis bei Kinzigtal total 2019

"Habe meinen Job so gut wie möglich gemacht"

In Bezug auf die Nahversorgung ist er ebenfalls froh über die angesiedelten Vollsortiment-Discounter. Besonders in ländlichen Regionen sei das nicht selbstverständlich – und Bäcker und Metzger gebe es vor Ort auch noch. Die Erweiterung des Kindergartens „Rappelkiste“ in Sterbfritz hätte Carsten Ullrich gerne noch mit der Inbetriebnahme abgeschlossen, aber das funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Einer war, dass der Hort in kein Förderprogramm – auch nicht auf Landes- und Bundesebene -aufgenommen wurde. Geld aus der Hessenkasse erfordere zunächst einen Billigungsbescheid. Planungen verzögerten sich durch personelle Probleme und die Ingenieurbüros und Bauunternehmen seien voll ausgebucht.

 „Ich habe 18 Jahre meinen Job so gut wie möglich gemacht, um die Gemeinde voranzubringen und die Lebensqualität zu verbessern“, bilanzierte Carsten Ullrich. Überschlagen wurden 90 Millionen Euro investiert worden. Gelungen ist es in Sinntal, trotz einem düster prognostizierten demokratischen Wandel einem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken. Junge Familien kämen zurück, weil das Landleben viel Lebensqualität zu bieten habe. Jedoch müsse die Infrastruktur stimmen, wie der Breitbandanschluss. Die Corona-Pandemie habe für den ländlichen Raum Vorteile gegenüber der Stadt gebracht, da man vor der Tür die Natur und das Leben genießen konnte. Während vor 15 Jahren noch die Maxime galt, sich bei den Kindergärten gesundzuschrumpfen, bedürfe es heute mehr Plätze in Kindergärten.

Ullrich erinnert sich auch an den Zoff, den es wegen befürchteter Schließungen von Grundschulen gab. Auch dank des Engagements der Eltern gebe es alle noch. Große Solidarität (Bürger und Politik) zeigte man in der Finanz- und Wirtschaftskrise den Mitarbeitern in den Werken Plastal, Sterbfritz und Tabbert, Mottgers. Dramatisch wäre eine Schließung für die Region und auch für Zulieferer von weiter entfernt gewesen. Plastic Omnium sei jetzt trotz Automobilkrise gut aufgestellt und Knaus Tabbert in Segmenten Marktführer.

Carsten Ullrich beim SPD Seniorennachmittag Sterbfritz 2005
Carsten Ullrich beim SPD Seniorennachmittag Sterbfritz 2005
Ministerin Priska Hinz bringt Förderbescheid für Dorferneuerung Sinntal 2020
Ministerin Priska Hinz bringt Förderbescheid für Dorferneuerung Sinntal 2020
In der Bütt als Pfarrer 2016
In der Bütt als Pfarrer 2016

Seine neue Aufgabe als Mentor

 „Ein Bürgermeister ist nie allein. Alle müssen zusammenarbeiten (Verwaltung, Gremien) und sich unterstützen“, so Carsten Ullrich. „Und vor allem die Familie, ohne die geht es nicht.“ Dass sich Ullrich verändern möchte, versteht man angesichts einer wöchentlichen Arbeitsstundenleistung von 80 bis 100 Stunden, ohne festen freien Tag. In den Ruhestand geht es nicht.

 Ab 13. Januar wird er eine neue Verantwortung mit vollem Einsatz und neuen Zielen übernehmen. Er wird als Mentor starke Bürgermeister und Landräte beraten, gibt Seminare für die Städte- und Gemeindebünde, hat einen Lehrauftrag und plant für 2025 eine eigene Online-Akademie für Bürgermeister. „Es wird nicht langweiliger“, befürchtet Ullrich, aber er freut sich auf mehr Privatzeit und nicht immer nur in der Öffentlichkeit zu stehen. Um den Kopf freizukriegen und sich fit zu halten, joggt er und fährt gerne Fahrrad. Ein sportliches Lauf-Ziel ist der Frankfurt-Marathon 2023. Durch Corona habe es 2022 nicht geklappt und die Pandemie habe ihn auch ausdauermäßig zurückgeworfen. Sechs Mal nahm Ullrich am Brüder-Grimm-Lauf teil. In seinem Fotoarchiv hat Walter Dörr einige Motive aus der 18-jährigen Amtszeit von Carsten Ullrich ausgewählt. (red)

 Beim Schachbrettblumenfest Altengronau 2019
Beim Schachbrettblumenfest Altengronau 2019
Carsten Ullrich bei DRK Fahrzeugweihe Sterbfritz 2017
Carsten Ullrich bei DRK Fahrzeugweihe Sterbfritz 2017
Carsten Ullrich im Studio bei Greator in Köln als Speaker 2022
Carsten Ullrich im Studio bei Greator in Köln als Speaker 2022

Carsten Ullrich als Speaker 2023
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Bürgermeister-Kandidat Carsten Ullrich 2004
Bürgermeister-Kandidat Carsten Ullrich 2004

Bürgermeister Carsten Ullrich 2005
Bürgermeister Carsten Ullrich 2005
Im nostalgischen Amtszimmer 2010
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Landratswahlkampf Erich Pipa 2016
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 Vorlesetag Hans-Elm-Schule 2015
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Gewerbeschau Sterbfritz 2004
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