HANAU

Nach Anschlag in Halle: "Durch die AfD bekommt der Antisemitismus eine Plattform"

Oliver Dainow - Fotos: Moritz Pappert

18.10.2019
von: Moritz Pappert

Diese Nachricht vom vergangenen Mittwoch erschütterte Deutschland: Aus antisemitischen Motiven tötete Stephan B. (27) einen Mann und eine Frau in Halle. Eigentlich wollte er am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge eindringen, um dort Menschen zu töten. Als er an der Tür scheitert, schießt er auf Passanten. Die Tat verunsichert die Menschen in Deutschland. Auch die jüdische Gemeinde in Hanau zeigt sich schockiert von der Tat. Überrascht sind die Mitglieder aber nicht.

Oliver Dainow (35) befand sich zur Tatzeit gerade im Gottesdienst. In Hanau ist die Synagoge bei Veranstaltungen immer durch eine Polizeistreife gesichert. "Da es ein Feiertag war, hatten wir unsere Handys aus. Als gegen 17 Uhr der Gottesdienst nach einer Pause weiterging, haben wir schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Plötzlich standen drei Polizeiautos vor der Tür", so Dainow. Erst später nach dem Gottesdienst haben sie von dem Anschlag in Halle mitbekommen. "Überrascht hat es uns aber nicht. Wir sind es leider gewohnt, Antisemitismus ausgesetzt zu sein."

Die jüdische Gemeinde hat derzeit 220 Mitglieder. Gegründet wurde sie 2005. Oliver Dainow erzählt, dass bereits die Kinder vorsichtig seien, in der Schule zu erzählen, dass  sie Juden sind. "Die haben keine Angst, die wollen einfach nicht in die Situation kommen, dass Probleme entstehen könnten." Auch Drohbriefe an die Gemeinde habe es in der Vergangenheit vereinzelt schon gegeben.

"Braunes Hinterzimmer bekommt eine Lobby"

 Vor wenigen Tagen sorgte ein Post des sächsischen AfD-Landtagsabgeordneten Roland Ulbrich für Entsetzen: „Was ist schlimmer, eine beschädigte Synagogentür oder zwei getötete Deutsche?“  Dainow kommentiert: "Das braune Hinterzimmer bekommt durch die AfD eine Lobby und der Antisemitismus eine große Plattform. Dabei müsste die Aufgabe der Politiker eigentlich sein, für demokratische Werte einzustehen", sagt Dainow.

Diese Blumen wurde vor die Synagoge gestellt

"Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen"

Dainow ruft dazu auf, dass jeder für diese Grundwerte einsteht. "Wenn man solche antisemitische Äußerungen mitbekommt, muss man den Mund aufmachen und einschreiten", so der 35-Jährige. Fremdenfeindlichkeit müsse man im Keim ersticken, dort wo sie entsteht. Angst hat die jüdische Gemeinde nach dem Anschlag jedoch nicht. "Natürlich gibt es Ängste bei manchen Juden, wir sind es aber gewohnt, dass wir viel Polizei um uns haben. Eine gesunde Portion Vorsicht ist immer gut. Auch wenn die Wahrnehmung jetzt eine andere ist, dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen."

In Hanau fühlt sich die jüdische Gemeinde aber gut aufgehoben. "Wir fühlen uns hier sicher. Das liegt auch an dem guten Kontakt zu den Behörden und der Polizei. Das wird auch durch eine schöne Geste eines unbekannten Hanauer Bürgers deutlich. "Vor einigen Tag lag plötzlich vor der Synagoge ein Blumenstrauß und eine Kerze. Das hat uns wirklich berührt", so Dainow abschließend.+++