Neue Inhaberin für die Hof-Apotheke

Kinzig-Apotheke schließt zum Jahresende

Eva Ungermann übernimmt von Brigitte Brinkmann - Foto: privat


Donnerstag, 23.11.2023

WÄCHTERSBACH - Weitreichende Veränderungen stehen für die Hof-Apotheke in der Wächtersbacher Altstadt an: Zum 1. Januar wird Eva Ungermann als Apothekerin das Geschäft von ihrer Mutter Brigitte Brinkmann übernehmen und in die dritte Familiengeneration führen. Der Filialstandort Kinzig-Apotheke in der Brückenstraße wird hingegen zum 31. Dezember dieses Jahres geschlossen.

Die Geschäftsübergabe haben die Apothekerinnen Brigitte Brinkmann und Eva Ungermann bereits seit einiger Zeit geplant. Brinkmann hatte Wächtersbachs älteste Apotheke, deren Privilegien mindestens bis in das Jahr 1731 belegbar sind und die seit 1961 in Familienhand ist, 1997 von ihrem Vater Günther Wetzel übernommen. Nun wolle die 72-Jährige altersbedingt etwas kürzertreten, wenngleich sie mit weniger Stunden weiterhin als Angestellte tätig bleibe. „Angedacht war schon seit Längerem, dass ich den Familienbetrieb übernehme, wenn unsere beiden Kinder die Schule besuchen. Das ist seit diesem Jahr der Fall, und ich habe nun die Kapazitäten, die Geschäftsführung zu übernehmen“, erklärt die 41-Jährige, die nach Abschluss ihres Pharmaziestudiums in Marburg und einem Praktischen Jahr in Würzburg seit 2009 im Betrieb in ihrer Heimatstadt mitarbeitet.

Vorzeitiger Ruhestand aus persönlichen Gründen 

„Vor der Übergabe habe ich mich entschlossen, unseren Stammsitz in der Altstadt umfangreich zu sanieren. Die Neugestaltung der Hof-Apotheke, die auch Beitrag zur Gestaltung unserer Altstadt sein soll, markiert einen Meilenstein in der Geschichte unseres Hauses. Sie ist als klares Bekenntnis zu unserer Verbundenheit zu Wächtersbach sowie als Ausdruck der Verpflichtung zu unserem Auftrag in der regionalen Gesundheitsversorgung zu verstehen. Das ist unser klares Selbstverständnis“, betont Brigitte Brinkmann. In den vergangenen Monaten sei in die Ausstattung, die Digitalisierung und auch in den optischen Auftritt – etwa in die Fassade – der Hof-Apotheke investiert worden. „Diese Investitionen bilden die Basis, auf der ich nun die Geschäfte übernehmen werde und diese wie bisher im Sinne unserer Kunden und deren Gesundheit fortführen kann und möchte“, ergänzt Ungermann.

Ihr Bedauern drücken die Apothekerinnen allerdings darüber aus, dass die Kinzig-Apotheke als Filialstandort ab 1. Januar 2024 nicht fortgeführt werden kann. „Unser Filialleiter Carsten Hofacker hat sich entschlossen, aus persönlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand zu treten. Wenngleich wir die Entscheidung von Herrn Hofacker, den wir als wichtigen und kompetenten Filialleiter schätzen, sehr schade finden, so respektieren wir seinen Entschluss“, berichtet Brinkmann, und Ungermann fügt hinzu: „Angesichts des Fachkräftemangels, der auch die Apotheken trifft, ist ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb der Kinzig-Apotheke nicht möglich. Dass wir diese aufgeben müssen, bedauern wir sehr. Jedoch hat sich trotz vieler Überlegungen kein gangbarer Weg für eine Fortführung abgezeichnet.“

Apotheker schwer zu finden

Für den Betrieb einer Apotheke ist die Anwesenheit eines approbierten Apothekers Voraussetzungen. Diese seien jedoch immer schwerer zu finden – gerade für inhabergeführte Landapotheken und deren Filialen. Ein Vollzeitersatz für Hofacker habe nicht verpflichtet werden können. „Ursächlich dafür sind unter anderem die aktuellen Rahmenbedingungen: Zunehmende Bürokratisierung, immer mehr Reglements, dazu Notdienste über Nächte, an Wochenenden und Feiertagen – das möchten sich kaum noch Pharmazeuten zumuten. Wir lieben unseren Beruf und üben ihn mit Leidenschaft für die Patienten und Kunden aus. Aber leider gilt das gerade für Berufseinsteiger nicht mehr in dem Maße. Und da kann man ihnen nicht einmal einen Vorwurf machen. Sie suchen vermehrt den Weg in die Pharmaindustrie. An der Apothekensituation muss sich etwas ändern“, sagen die Wächtersbacherinnen. Hinzu kämen die Arzneimittelengpässe – immerhin seien rund 600 Medikamente aktuell nicht lieferbar – und der Zwang aus Rabattverträgen der Krankenkassen mit den Arzneimittelherstellern, die die Arbeit in den Apotheken nicht einfacher machten.

„Der Aufwand, der dadurch in der gesundheitlichen Versorgung in den Betrieben entsteht, ist den Kunden nicht vermittelbar und führt zu Belastungen, unter denen Beratungsleistungen leiden können. Gerade in der kompetenten Betreuung sehen wir aber einen wichtigen Auftrag zum Wohl unserer Kunden, den auch ich erfüllen möchte und werde“, kündigt Ungermann an. Die Konzentration auf den Stammsitz in der Altstadt bilde einen Baustein in diesem Anliegen. Eine Verbesserung der Gesamtsituation sei leider nicht in Aussicht – im Gegenteil.

Kritik an der Ampel-Regierung

 Die Pläne der Ampel-Regierung in Berlin – allen voran des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD), der kein ernsthaftes Interesse an einem Dialog mit der Apothekerschaft zeige – ließen wenig Hoffnung aufkommen. „Mit der ,Apotheke-light‘, die unser Berufsverband kritisiert, würde uns die Bundesregierung einen Bärendienst erweisen und den Versand- sowie Online-Apotheken Tür und Tor öffnen. Wir beraten über Substanzen, bei denen es um die Gesundheit geht, die aber bei falscher Einnahme auch schädlich sein können. Für die Beratung braucht es den persönlichen Kontakt, das können OnlineAnbieter nicht leisten“, sagen Brinkmann und Ungermann – und sie fragen: „Wer soll außerdem den Notdienst vor Ort gewährleisten, wenn nicht die inhabergeführten Apotheken? Bei aller Digitalisierung: Die Online-Apotheke liefert nicht nachts um 2 Uhr dringend benötigte Medikamente.“

Verschärfend wirke sich vor Ort in den Landapotheken die finanzielle Komponente aus: Trotz Inflation, steigender Tariflöhne und gestiegener Energiekosten sei die Vergütung der Apotheken seit 20 Jahren quasi unverändert geblieben. Diese Bedingungen machten es für junge Apotheker derzeit wirtschaftlich nicht stemmbar, eine Apotheke zu eröffnen oder zu übernehmen, hatte der Hessische Apothekerverband (HAV) jüngst erst kritisiert. „Dasselbe gilt auch für den Erhalt von Filialen in ländlichen Gebieten wie Kinzigtal, Vogelsberg und Spessart“, unterstreicht die künftige Geschäftsführerin der Hof-Apotheke, Eva Ungermann.

Zu ihrem Bedauern und dem ihrer Mutter, wird sich die 2010 eröffnete Kinzig-Apotheke nach 14 Jahren in eine traurige Statistik einreihen müssen: Der HAV spricht vom größten Apothekensterben in der Geschichte der Bundesrepublik. So sank die Zahl der Apotheken in Hessen von 1.502 am 31. Dezember 2016 auf nur noch 1.344 am Ende des dritten Quartals 2023. Zählte die Bundesrepublik Ende 2016 noch 20.023 Apotheken, so waren es zum 30. September 2023 nur noch 17.733. (red)

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