Wirtschaft zweifelt am Standort Deutschland

Konjunkturbericht der IHK: Warum die heimischen Unternehmen "ROT" sehen

Die Unternehmen sehen ROT an der Konjunkturampel... - Symboldbild: Pixabay


Donnerstag, 01.02.2024

HANAU / MKK - 70 Prozent aller Unternehmen bezeichnen in der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen des Standorts Deutschland als Risiko für ihr Unternehmen. Das ist der schlechteste Wert seit Beginn der Umfrage im Jahr 2010 und gegenüber der jüngsten Umfrage im Herbst 2023 eine Verschlechterung um fast 20 Prozentpunkte.

„Aus Sicht der Unternehmen sinkt die Qualität des Wirtschaftsstandorts Deutschland rasant. Schon seit dem Jahr 2019 sieht etwa jedes zweite Unternehmen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als Risiko. In der aktuellen Umfrage sind es alarmierende sieben von zehn Unternehmen. Zum Vergleich: Im Lockdown im Jahr 2020 schätzten 74,1 Prozent der Unternehmen die Inlandsnachfrage als geschäftliches Risiko ein und nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 84,7 Prozent die Energie- und Rohstoffpreise – nur in diesen beiden Ausnahmesituationen hat unsere IHK in ihren Umfragen noch schlechtere Werte gemessen. Dass die Rahmenbedingungen nun ähnlich schlecht bewertet werden, ist ein Alarmsignal für die Wirtschaftspolitik in Deutschland“, bewertet IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde.

Der Pessimismus der Unternehmen basiert auch auf Finanzproblemen


Ausgerechnet bei mittelständischen Unternehmen mit 200 bis 500 Beschäftigten sagen nur noch 57,1 Prozent, ihre Finanzlage sei unproblematisch – weit mehr als jedes drittes Unternehmen dieser Größenklasse hält also seine Finanzlage für problematisch. Noch schlechter geht es im Gastgewerbe, dort hält nur noch jedes vierte Unternehmen seine Finanzlage für unproblematisch. Bei den personenbezogenen Dienstleistern sind solide Finanzen nur noch in jedem sechsten Unternehmen (16,7 Prozent) zu finden. In diesen beiden Branchen klagt jedes zweite Unternehmen über den Rückgang des Eigenkapitals. Dazu passt, dass bei Großhändlern und Handelsvermittlern jeder zweite von zunehmenden Forderungsausfällen berichtet. „Damit wächst das Misstrauen der Unternehmen untereinander und wirkt wie ein ätzendes Gift, das sich alle Branchen hineinzufressen droht“, mahnt Quidde.

Die allgemeine Verunsicherung erschwert es den Unternehmen, neue Wege zu erschließen oder wenigstens die alten in Schuss zu halten. Bei so hoher Unsicherheit werden, auch das zeigt die IHK-Konjunkturumfrage, Investitionen drastisch zurückgefahren. Nur noch für den allernötigsten Ersatzbedarf wird Geld ausgegeben, wie über 70 Prozent der Unternehmen angeben. Vier von zehn Unternehmen fahren sogar alle Investitionen zurück. Das Problem: Ohne nennenswerte Investitionen in neue Produkte, Anlagen, Maschinen, Umweltschutz und Markterschließung kann kein Aufschwung greifen. Wenn die Unternehmen trotzdem investieren, dann eher im Aus- als im Inland. In diesen Fällen geht es um mehr Marktnähe und um Kostenersparnis. Laut IHK-Umfrage stehen die Märkte in Nordamerika, aber auch in China, und vor allem in der Eurozone im Fokus der investierenden Firmen.

"Investitionen rechnen sich nicht"


„Das bedeutet im Klartext: Investitionen in Deutschland rechnen sich für die Unternehmen aus ihrer Sicht derzeit nicht. In vielen Gesprächen betonen die Unternehmen uns gegenüber, dass vor allem die deutsche Bürokratie abschreckt“, warnt Quidde. „Statt noch mehr Bürokratie brauchen wir mehr Vertrauen in das Können und Verantwortungsgefühl unserer Unternehmerinnen und Unternehmer. Von Teilen der Politik benötigen wir auch dringend mehr Weltoffenheit. Toleranz und grenzüberschreitender Austausch sind zentrale Werte unseres auf Zusammenarbeit, Kreativität und Freiheit angelegten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells.“

Die Umfrageergebnisse der IHK deuten darauf hin, dass nicht nur einzelne Unternehmen der regionalen Wirtschaft sich innerlich und äußerlich vom Standort Deutschland verabschieden, weil sie in ihm keine Zukunft erwarten. Mehr und mehr Firmen richten sich in einem Szenario ein, das von Unsicherheit, Krisen, Investitionsstaus, abnehmender wirtschaftlicher Freiheit, wachsendem bürokratischen Aufwand und politischer Gängelei geprägt ist. Das hat Folgen für die Staatsfinanzen, die Steuerbelastung und das Wirtschaftswachstum. Auch deshalb haben die Bundesbank und führende Wirtschaftsforschungsinstitute bereits begonnen, die Wachstumserwartungen für dieses Jahr zurückzuschrauben.

70 Prozent aller Unternehmen bezeichnen in der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen des Standorts Deutschland als Risiko für ihr Unternehmen.  - Grafik: IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern
70 Prozent aller Unternehmen bezeichnen in der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen des Standorts Deutschland als Risiko für ihr Unternehmen. - Grafik: IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern
Grafik: IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern
Grafik: IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern

Unerfreuliche Lage mit wenig Hoffnung


Zu Jahresbeginn schätzen laut IHK-Konjunkturumfrage nur 25,6 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle wirtschaftliche Lage als „gut“ ein. Das sind etwas weniger als vor einem Jahr und 4,5 Prozent mehr als im vergangenen Herbst. „Die leichte Verbesserung gegenüber dem Herbst ist viel zu schwach für einen Aufschwung. Ich fürchte, es handelt sich um eine Gewöhnung an die schlechte Lage. In soliden Zeiten muss dieser Wert um die 50 Punkte oder noch darüber liegen. Die Lage ist schlecht“, bewertet IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde.

Noch schlechter wird die wirtschaftliche Zukunft gesehen. Von „eher günstigeren“ Aussichten gehen bloß 13,6 Prozent der Unternehmen aus, nach 7,1 Prozent im Herbst 2023 und 12,3 Prozent vor einem Jahr. „Eher ungünstigere“ Bedingungen erwarten hingegen 40,1 Prozent der Unternehmen, nach 42,4 und 31,8 Prozent vor vier beziehungsweise zwölf Monaten. „Der große Pessimismus liegt auch in diesem Jahr wie Blei auf den Unternehmen. Diese Stimmung führt uns eher in die Rezession als in den Aufschwung“, warnt Quidde.

Werden die insgesamt 177 Antworten der Unternehmen aus allen wichtigen Branchen und Teilregionen im Landkreis gewichtet, lässt sich der Konjunkturklima-Index berechnen. Mit 85,7 Punkten erzielt diese wichtige Kennzahl erneut einen schwachen Wert. Vermutlich wird sich die Konjunktur in diesem noch jungen Jahr nicht mehr erholen.

Fast alle Branchen in der Krise


„Beim Blick in die einzelnen Branchen findet sich fast kein Lichtblick, aber viel Düsternis“, analysiert Quidde. In der vom Mittelstand geprägten und gemeinhin stark Export abhängigen Industrie sind das Lagebild (gut: 14,5 Prozent, schlecht: 27,3 Prozent) und auch die Erwartungen (günstiger: 18,2 Prozent, ungünstiger: 34,5 Prozent) weiterhin außerordentlich unerfreulich. Lediglich die der konjunkturellen Entwicklung weit vorauslaufenden und weltweit aktiven Investitionsgüter- und Vorleistungsproduzenten ziehen wieder leicht an. Quidde bewertet: „Das ist in meinen Augen eher eine Ausnahme als eine Entspannung! Vielleicht verbessert in der zweiten Jahreshälfte der Weltmarkt unsere Lage. Aber sicher ist das nicht.“

Ein im Großen und Ganzen düsteres Bild, außerdem mit noch ungünstigeren Erwartungen, findet sich im Handel, in dem 49 Prozent der Unternehmen keine Besserung erhoffen. Besonders bedenklich: Auch der wichtige und üblicherweise robuste Großhandel und mit ihm auch der Internethandel kann sich dem Negativtrend nicht entziehen – vor allem die Erwartungen fallen auf ein verheerendes Niveau. „Sieben von zehn Unternehmen dieser wichtigen Branche sind pessimistisch“, berichtet der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Ein tendenziell negatives Umfeld melden auch das Gastgewerbe, die Transport- und Logistikunternehmen sowie die Banken und Sparkassen. Auch die Unternehmen, die personenbezogene Dienstleistungen anbieten, können sich der Negativspirale nicht entziehen. Bei Servicefirmen, die für andere Unternehmen tätig sind, sieht das Bild noch etwas besser aus. Aber das liegt nur an den Bewertungen zur aktuellen Lage, welche von 47,6 Prozent der Unternehmen noch als „gut“ eingeschätzt wird. Sobald die Aufträge abgearbeitet sind, wird auch dieser Wirtschafszweig in die Krise rutschen, wenn nicht etwas unerwartet Positives geschieht. Darauf weisen die gesunkenen Erwartungen hin. Auch die Bauwirtschaft gerät ins Trudeln.

Trotz allem bleibt der Fachkräftemangel


Mit Blick auf den Arbeitsmarkt sind zwei Entwicklungen bemerkenswert: Unter den offiziell gezählten 12.293 Arbeitslosen am Jahresende, das ist fast ein Drittel mehr als vor fünf Jahren, stehen nur 3.507 dem Arbeitsmarkt – theoretisch – schnell zur Verfügung. Bei allen anderen Arbeitslosen sind Vermittlungsschwierigkeiten zu unterstellen, wobei die Langzeitarbeitslosigkeit vermutlich das geringste Problem sein dürfte. Unter diesem Blickwinkel erscheint es nachvollziehbar, dass der Fachkräftemangel von 57,6 Prozent der Unternehmen als Risiko für die Konjunktur angesehen wird. Höhere Arbeitskosten werden folgerichtig von 48 Prozent der Unternehmen als weiteres Risiko benannt, in Teilen der Industrie, im Gastgewerbe und in vielen anderen Dienstleistungsbranchen sind es sogar um die 60 Prozent oder mehr.

Quidde zu den Folgen: „Bei diesem Fachkräftemangel und angesichts der hohen wirtschaftspolitischen Unsicherheit wird hierzulande kein Aufschwung kommen. Immer mehr Unternehmen reagieren mit Verlagerungen ins Ausland. Unternehmen, die diese Möglichkeit nicht haben, wirken besonders frustriert. Die Lage ist ernst. Deshalb sollten jeder Gesetzentwurf und jede politische Maßnahme in den nächsten Jahren vor allem daraufhin geprüft werden, ob sie den Wirtschaftsstandort Deutschland stärkt. Es ist höchste Zeit vor allem für die Bundesregierung, durch Taten und Erfolge die enorme Skepsis der Unternehmen ihr gegenüber zu überwinden, deren markantesten Ausdruck ich vor wenigen Tagen auf einem Protestplakat auf einem Acker im Allgäu gelesen habe: ‚Sie säen nicht. Sie ernten nicht. Aber sie wissen alles besser.‘“ (red)

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