HANAU

„Singt einfach drauflos!“ - Ausgelassene Stimmung im Amphitheater

Am Ende musizieren alle gemeinsam – das Ensemble der Bremer Stadtmusikanten. - Fotos: Brüder Grimm Festspiele/Henrik Nix

02.06.2019
von: Joana Gibbe/pm

Strahlender Sonnenschein, Temperaturen um die 27 Grad und vor  allem ein volles Haus: Was könnte schöner sein für die dritte Premiere der diesjährigen Brüder Grimm Festspiele? Dass dann auch noch ein schmissiges, witziges Familienstück über die Bühne brauste, das die Zuschauer zum Mitklatschen und –singen animierte, machte den Premierentag im Amphitheater rund. 

Vorhang auf für „Die Bremer Stadtmusikanten“. Die Geschichte um die vier pfiffigen Tiere, die sich ihrem Schicksal nicht ergeben wollen, sondern stattdessen lieber nach Bremen ziehen, um hier ihr Glück zu machen, gehört zu den beliebtesten Märchen der Brüder Grimm. Der Satz „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall“ ist ein Klassiker, und natürlich kam er auch in der Inszenierung von Marco Krämer-Eis zum Einsatz. Hier aber erschien er, wie so vieles, im neuen Gewand, nämlich musikalisch, unter anderem im Song, mit dem Esel Johnny (Detlev Nyga) sich dem Publikum als echter Rock `n Roller vorstellte („Ia, Ia, Rock `n Roll!“). 

Überhaupt durften sich die Zuschauer auf viele Überraschungen einstellen: Der rockige Esel war eine davon. Hinzu kam ein Hund, der seinem Herrchen den Hundewettbewerb mit Ungehorsam versaut und dann vom Hof gejagt wird, der vor allem aber Schlager liebt. Klar, dass der Vierbeiner mit den braunen Schlappohren von Autor Frank-Lorenz Engel mit „Rex Gildo“ einen passenden Namen verpasst bekam. Rex (Marvin George) trumpfte denn auch mit einer ganzen Sammlung von Liedern auf, die er, zum Vergnügen des Publikums, auf „hundisch“ umgebaut hatte: „Schatzi, schenk mir `nen Welpen“, „Herrchenlos durch die Nacht“ und „Wuffgang Petry“ waren nur einige davon. Anrührend die Begegnung mit Katze Minou (Annalisa Stephan): In einem wunderschönen Duett beschreiben Katze und Frauchen (Wahnsinnsstimme: Barbara Bach) den Schmerz ihrer Trennung, weil die alte Dame ins Pflegeheim übersiedelt und ihren geliebten Stubentiger nicht mitnehmen kann. Minou läuft davon, trifft Johnny und Rex und, klar, fliegen zwischen Hund und Katze erstmal die Fetzen. Trotzdem schließt sich die Opernliebhaberin und echte Diva den beiden auf ihrem Weg nach Bremen an. 

Die Räuberbande (Rebekka Reinholz, Marina Loetschert, Benedikt Selzner, Lutz Erik Aikele v.l.) schmiedet unerhörte Pläne.
Johnny (Detlev Nyga) schlichtet den Streit zwischen Hund Rex (Marvin George) und Katze Minou (Annalisa Stephan).

Danach wird es noch ein bisschen schriller, denn der Hahn (Fabian Baecker) hat seinen großen Auftritt. Er ist mit knallenger roter Lederhose ausgestattet und „gockelt“ herum – im wahrsten Sinne des Wortes. Bei seinen Hennen ist er der Star, jetzt aber will ihm die Bäuerin an die Gurgel. Seine Bestimmung, so versucht sie ihm schmackhaft zu machen, sei es, als knuspriges Brathendl in der Pfanne zu landen. Sieht der Hahn ganz anders und rappt sich durch dieses federnsträubende Erlebnis: „Schrie Kikerikie, Kikerikie, Kikerikie! Sie schrie ‚Mieses Vieh‘, doch sie kriegten mich nie!“ Schön gelöst: Aus dem Solo wird ein Gruppengesang, bei dem ausgerechnet die opernaffine Katze voll aus sich rausgeht und eine supergroovige Einlage bietet. Die vier so unterschiedlichen Charaktere mit ihrem ebenfalls komplett unterschiedlichen Musikgeschmack wandern also zusammen weiter, um irgendwann an ihrem Ziel Bremen, anzukommen.

Ihr Geplänkel untereinander erfreut die Kleinen ebenso wie Eltern und Großeltern, denn der Text ist gespickt mit altbekannten Sprüchen und Kalauern („Die Katze im Sack gekauft“, „Vor die Hunde gehen“) und macht allen Spaß. Aber auch die Räuber, die zwischendurch immer mal auftauchen, sind sehenswert: Eine zusammengewürfelte Truppe mit der burschikosen Anführerin (Marina Lötschert), der pazifistisch angehauchten Ilse (Rebekka Reinholz), die den Grips mitbringt, dem rumpelig-dösigen Ede (Benedikt Selzner), dem Erbsenzähler Alex (Barbara Bach) und dem Professor (Lutz-Erik Aikele). Dass Letzterer so agiert und aussieht wie Pathologe Börne aus den Münster-Tatorten ist vielleicht Zufall, aber wirklich nett gemacht. Die fünf wollen eigentlich durch einen Tunnel zu einem Juweliergeschäft, kriegen aber im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve nicht und enden in einer Wurstfabrik und einem Musikalienhandel. Statt der Diamanten haben sie schließlich jede Menge Salami und Musikinstrumente in ihrer Räuberbutze im Wald.

Bevor es aber hier zum großen Showdown kommt, müssen die vier Tiere noch zeigen, dass sie trotz aller Unterschiedlichkeit im Ernstfall füreinander da sind. Da ist zum Beispiel die Szene, in der sie einen reißenden Fluss überqueren müssen – in der Inszenierung wunderschön abstrakt gelöst mit einem großen Tuch voller Noten, das über die Bühne gezogen und in Wellenform bewegt wird. Die Darsteller der Stadtmusikanten tauchen mit einem Sprung hinter das Tuch ab und oben auf dem Rand erscheinen Katze und Hund als Handpuppen, die die Handlung weiterspielen. Eine tolle Idee! Hier rettet der Hund die Katze aus den Fluten; sie kann sich danach im dunklen Wald als wandelndes Nachtsichtgerät revanchieren. Mit ihrem „Folgt einfach meinem Klatschen“ motiviert sie das Publikum zum Mitmachen – die Stimmung im vollbesetzten Amphitheater durchgehend gut, fast ausgelassen. Auch beim letzten Lied vor der Pause „Ob hoch oder tief“, dessen Erkenntnis ist „Auch wenn wir verschieden klingen, lasst uns miteinander singen“ wird im Takt geklatscht.

In der zweiten Hälfte geht es Schlag auf Schlag: Die Räuber betreiben in ihrer Hütte Ursachenforschung für den misslungenen Raub, kriegen sich in die Wolle, schmieden Plan B. Die Bremer Stadtmusikanten erschrecken sie und übernehmen erschöpft und durchgefroren erleichtert das Dach über dem Kopf. Aus den vier Individualisten sind Freunde geworden. Ihr Ziel ist jetzt ein gemeinsames: „Bremen ist da, wo wir zu Hause sind!“ Geweckt werden sie von den zurückkehrenden Räubern, die sie gleich nochmal in die Flucht schlagen, wie man es eben aus der klassischen Version kennt – das Ende aber ist überraschend: Tiere und Räuber kommen zusammen und musizieren gemeinsam. Das Schlusslied „Singt einfach drauflos!“ ist das, was man sich als Zuhörer immer erhofft, nämlich ein Ohrwurm und macht einfach Spaß. Kein Wunder also, dass schließlich das Publikum steht, klatscht und mitschwingt. Die dritte Premiere der Saison ist gelungen! Die Bremer Stadtmusikanten 2019 überzeugen alle Altersgruppen: Sie machen den Kleinen Spaß durch witzige Charaktere, den Erwachsenen mit Wortspielereien und allen mit eingängigen Liedern (Komposition: Thomas Schwab). Dass die Tiere nicht auf den Punkt singen, sondern auch mal leicht daneben liegen, macht es noch sympathischer und authentischer. Auch das Bühnenbild weiß wieder zu überzeugen: Überdimensionale Instrumente in der Bühnenmitte dienen als Sitzmöbel und werden bespielt, gleichzeitig sind sie eben Symbole für das, wofür die Stadtmusikanten stehen. Auch die Tatsache, dass die Tiere nicht allzu tierisch ausstaffiert sind, sondern lediglich angedeutet als Esel, Katze und Co daherkommen, verleiht dieser Inszenierung eine weitere ganz eigene Note. (pm) +++