Dauerstreit um Einwohnerzahl

Nach Zensus-Schock für Hanau: Brüder-Grimm-Stadt mit überzeugendem Argument

Zensus-Pressekonferenz in Hanau. - Foto: Stadt Hanau/Moritz Göbel


Mittwoch, 25.02.2026
von Redaktion Kinzig News

HANAU - Ein neues wissenschaftliches Gutachten stützt den Widerstand der Stadt Hanau gegen die amtlichen Bevölkerungszahlen des Zensus 2022 und wirft dem Hessischen Statistischen Landesamt gravierende methodische Mängel vor.

Der Streit um die tatsächliche Größe der Stadt Hanau geht in eine entscheidende juristische Phase. Nachdem der Zensus 2022 der Stadt zum Stichtag im Mai 2022 eine deutlich geringere Einwohnerzahl bescheinigte als die stadteigenen Melderegister, wehrt sich die Kommune nun mit massiver Unterstützung vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt am Main. Ein im zweiten Halbjahr 2025 fertiggestelltes, rund 100 Seiten starkes Gutachten gibt der Stadt Hanau und weiteren 278 beteiligten Kommunen recht: Die Herleitung der Zahlen sei wissenschaftlich unzureichend dokumentiert und für die Betroffenen schlicht nicht nachvollziehbar.

Millionenschwere Folgen durch statistische Defizite

Wie aus einem Bericht der Stadt Hanau hervorgeht, ist die statistische Abweichung alles andere als eine belanglose Zahlenspielerei. Laut dem Zensus des Landesamtes leben exakt 6675 Menschen weniger in Hanau, als die Fortschreibung der lokalen Einwohnermeldedaten auf Basis des Zensus 2011 ausweist. 

Für Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Bürgermeister Dr. Maximilian Bieri ist dieser Fehlbetrag nicht hinnehmbar, da die amtliche Einwohnerzahl die Grundlage für zentrale Finanzzuweisungen des Landes bildet. Ein Minus in dieser Größenordnung würde für die Stadt jährlich wiederkehrende Einnahmeausfälle in Millionenhöhe bedeuten und damit die Handlungsfähigkeit der Kommune massiv einschränken.

Mülltonnen und Kita-Plätze als Gegenbeweise

Die Stadtspitze vertraut dabei auf die harten Fakten aus der eigenen Verwaltung, die der statistischen Schätzung des Landesamtes widersprechen. Stadträtin Isabelle Hemsley verweist unter anderem auf rund 12.400 zusätzliche Mülltonnen, die seit 2011 im Stadtgebiet ausgegeben wurden – ein Anstieg, der sich kaum mit einer sinkenden Einwohnerzahl vereinbaren lässt. Auch der Wasserverbrauch und der Fahrzeugbestand zeigen eine entgegengesetzte Tendenz.

Besonders deutlich wird das Problem im Bildungsbereich: Würde die Stadt nach den Zensus-Zahlen planen, müssten rein rechnerisch etwa 400 Plätze für Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren gestrichen werden, obwohl die tatsächliche Nachfrage in Kitas und Schulen täglich die Existenz dieser Kinder belegt. Das von renommierten Statistik-Experten wie Prof. Dr. Rainer Schnell erarbeitete Gutachten kritisiert vor allem, dass zentrale Berechnungsschritte, Programme und sogenannte Paradaten vom Hessischen Statistischen Landesamt nicht offengelegt wurden.

Gutachten bemängelt fehlende Transparenz

Die Ergebnisse seien dadurch weder unabhängig überprüfbar noch reproduzierbar. Nach Auffassung der Stadt verstößt diese Intransparenz gegen grundlegende Verwaltungsstandards, die eine saubere und nachvollziehbare Begründung für belastende Bescheide fordern. Hanau stellt zwar nicht das Recht des Staates auf eine Volkszählung infrage, fordert jedoch die Einhaltung wissenschaftlicher Standards und gesetzlicher Vorgaben. 

Mit der nun vorliegenden Expertise im Rücken arbeitet die Stadt intensiv an der Begründung ihrer Klage, um die finanzielle Grundlage für ihre über 100.000 Bürgerinnen und Bürger zu sichern. (red)

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