Schamlos frech: Jürgen von der Lippe erweist sich als Meister der kessen Lippe
Freitag, 03.04.2026
BAD ORB - Jürgen von der Lippe in Bad Orb ...
Das bedeutet eine Comedy-Lesung aus dem neuesten seiner Bücher, „Sextextsextett“, das bedeutet aber auch Pointen und Bonmots zum aktuellen Weltgeschehen, Wissen, das das Publikum vermutlich nie wieder brauchen wird – und viel zu Lachen. Jürgen von der Lippe erweist sich als der gewohnt zungenfertige Entertainer, den die Gäste in der ausverkauften Konzerthalle erwartet haben.
"Spannungsfeld zwischen Mann und Frau"
Statt findet die Veranstaltung am Abend nach der Zeitumstellung, was nicht unkommentiert bleibt. Laut einer Umfrage spüren Frauen die Zeitumstellung deutlich stärker als Männer. „Männer gelten ja als wehleidiger als Frauen. Auch das wird uns jetzt weggenommen“, wie Lippe augenzwinkernd klagt. Überhaupt geht es in den knapp drei Stunden, die das Programm inclusive einer Pause am Stand der Spessart-Buchhandlung und eventuell einem Cocktail von der wunderBAR-Eventgastronomie füllt, zu einem großen Teil um „das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau“.
Manchmal zotig, manchmal schlüpfrig, auch mal doppeldeutig, sodass es einen Moment dauert, bis bei den Gästen der Groschen fällt. Dafür fällt dann das Gelächter umso lauter, das Giggeln noch eine Note kreischender aus. Drei Zugaben sind es schließlich, die der Meister der kessen Lippe geben muss, bevor sich das Publikum zufrieden gibt.
Vom Fest der Familienkräche
Sprachliche Fehlleistungen sind dem Autor, von dem die FAZ schreibt: „Jürgen von der Lippe durchwandert die deutsche Humorwüste, um Wortwitze spuckend den Eindruck zu widerlegen, der Esprit habe hierzulande keine Advokaten“, ein Gräuel. Zugleich sind sie aber ein immerwährender Quell der Heiterkeit fürs Publikum. Etwa, wenn Lippe den Weserkurier zitiert, in dem in einer Meldung die „Kastrationspflicht für Menschen, die Katzen mit Freigang halten“ gefordert wird. Dass Paraskavedekatriaphobie, die Angst vor Freitag, dem 13., also, unverständlich sei, lässt Lippe wissen: Schließlich gäbe es am 1. Mai viel mehr Unfälle, sei es durch Steinwürfe oder wegen der Herumfahrerei von Besoffenen.
Auch Weihnachten, „das Fest der Familienkräche“, sei schlimmer. Da werde schon Wochen vorher überlegt: „Will ich wirklich mit dieser Knalltüte unterm Bäumchen sitzen.“ Und auch der Meteorit in Koblenz sei dieses Jahr nicht an einem Freitag, dem Dreizehnten, herabgestürzt – sondern am Weltfrauentag.
Dass Vampire „keinen Knoblauch abkönnen“ - eine der bekannten Geschichten aus der Welt des Aberglaubens. „In Rumänien werden Toten immer noch Knoblauchzehen in den Hintern geschoben“, wie Lippe mitteilt. „Ich wollte unbedingt darüber reden.“ Reden will er auch über die „Genderproblematik“, was er am größten Schneemann der Welt festmacht, der 2020 in Donnersbachwald errichtet wurde und 38,04 Meter maß. „Risie“ sein Name. „Schneegeschöpf. Schneeschöpfung. Schneeperson“, schlägt der Autor als gendergerechte Bezeichnung vor, eine schöne Bezeichnung zur Schneefrau: „Schneebesen.“
"Lesegroupies gelten als die Härtesten der Welt"
Das japsende Publikum, vorwiegend zwischen 30 und 80 Jahren alt, hat sich den späteren Kommentar Lippes: „Lesegroupies gelten als die Härtesten der Welt“, redlich verdient. Unter dem sich Friedrich Merz nicht befindet, der – so teilt es Lippe mit – noch am Veranstaltungstag versucht haben soll, eine Karte für die Bad Orber Veranstaltung zu bekommen. „Schon lange ausverkauft“, muss er sich anhören. Anders Lars Klingbeil: Der meldet sich ebenfalls und mit dem Hinweis, der Merz habe ihm gesagt, er habe noch ein Ticket bekommen. „Lars, Pinocchio hat Dich verarscht. Aber kommt, wir stellen Dir noch einen Stuhl dazu. Du hast ja sonst nicht mehr viel zum Lachen.“
Das hat dagegen die Gästeschar, die erfährt, dass „Sex an und für sich“ nicht nur eine Sache für einsame Menschen ist, oder wie Woody Allen in „Die Stadtneurotiker“ sagte: „Liebe mit einem Menschen, den ich sehr schätze.“ Oder wie Michelle Hunziker wissen ließ: Masturbation als ihr Jungbrunnen. „Mir fallen da einige Politikerinnen ein, die sich ruhig mal Zeit nehmen könnten“, kalauert Lippe.
"Mein Gott, so beruhigen Sie sich doch"
Aus seiner Zettelsammlung bringt er Spannendes über „den Hubschrauberlandeplatz auf meinem Kopf“ zu Gehör, lässt sich vom Publikum im Chor danach fragen, ob er „nicht früher volles Haar“ gehabt habe (eine der Antworten: „Ja, aber dann habe ich die Synästhesie für mich entdeckt. Ich kann jetzt im Winter die Schneeflocken auch hören.“). Überhaupt macht dem „großen alten Mann der Zwerchfellerschütterung“ die Interaktion mit den Gästen Spaß. Etwa, wenn sie abstimmen dürfen, wer bei einem imaginären Streitgespräch unter Eskimos (die Bezeichnung wählt er absichtlich) als Sieger vom Platz geht. Oder beim Mitsingen von „Liebeskummer lohnt sich nicht“, das offenbar nur die Frauen kennen. Die Lachstürme nach einem Witz kommentiert er mit „Mein Gott, so beruhigen Sie sich doch ... Kann ich jetzt weitermachen ...“
Bevor er selbst wieder lacht – und die Zeit im Nu vergehen lässt bei skurrilen amerikanischen Gesetzestexten und seiner Kritik an dauerndem und oft ungewolltem Duzen. Ein gutes Argument für eine Beziehung ist übrigens, dass „kalte Klobrillen im Winter auch nicht so toll“ sind. (Nicht erst) kurz vor Schluss, als Lippe die „sexuell aufgeheizte Atmosphäre in Bad Orb“ erwähnt, bestätigt sich angesichts des Applauses und des immer wieder aufbrandenden, stürmischen Gelächters die wissenschaftliche Erkenntnis, das „auch Frauen Sexwitze mögen. Vorausgesetzt, der Mann ist der Dumme in dem Witz ...“ (red)