Staatsräson und Solidarität im Fokus

Meron Mendel in Gelnhausen: Kritik an deutscher Staatsräson in Nahost-Debatte

Meron Mendel. - Foto: Bildungsstätte Anne Frank


Montag, 06.04.2026
von Redaktion Kinzig News

GELNHAUSEN - Der Historiker Meron Mendel hat bei einem Vortrag im Main-Kinzig-Forum die deutsche Debatte über Israel, Gaza und den Begriff der Staatsräson kritisch beleuchtet. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie weit Solidarität mit Israel reichen kann und wo aus seiner Sicht notwendige Kritik beginnt.

Der Abend in Gelnhausen war offenkundig auf großes Interesse gestoßen. Der Barbarossasaal im Main-Kinzig-Forum war voll besetzt, nachdem Mendel kurzfristig zugesagt hatte. Veranstaltet wurde der Vortrag im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Wie die Gelnhäuser Neue Zeitung berichtet, rückte Mendel dabei vor allem den Begriff der Staatsräson in den Mittelpunkt. Er machte gleich zu Beginn deutlich, dass es ihm nicht um die „richtige“ Wortwahl gehe, sondern um die politische Bedeutung des Begriffs in der aktuellen Lage rund um Israel und Gaza.

Staatsräson und Solidarität im Zentrum

Mendel erinnerte an Angela Merkels Rede vor der Knesset im März 2008, in der sie die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hatte. Zugleich verwies er darauf, dass Merkel damals auch klar für eine Zweistaatenlösung eingetreten sei. Daraus leitete er die Frage ab, ob Staatsräson heute als bedingungslose Unterstützung der israelischen Regierung verstanden werden könne.

Sein Kernpunkt: Solidarität mit Israel dürfe aus seiner Sicht nicht bedeuten, politische Entscheidungen der Regierung in Jerusalem grundsätzlich jeder Kritik zu entziehen. Gerade mit Blick auf die aktuelle Entwicklung in Israel und den Krieg in Gaza müsse neu bewertet werden, was Verantwortung und Solidarität praktisch bedeuten.

Kritik an Regierung nicht automatisch antisemitisch

Mendel wandte sich in Gelnhausen auch gegen pauschale Zuschreibungen in der deutschen Debatte. Unterstützung für Palästinenser oder Kritik an israelischer Politik seien nicht automatisch antisemitisch, solange nicht das Existenzrecht Israels infrage gestellt werde. Gleichzeitig betonte er, dass es sehr wohl klar antisemitische Fälle gebe.

Besonders problematisch sei aus seiner Sicht, menschliches Leid gegeneinander aufzurechnen. Fehlende Empathie auf beiden Seiten nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und den folgenden Kriegshandlungen in Gaza habe ein erschreckendes Ausmaß erreicht.

Persönliche Erfahrungen und politische Forderungen

Mendel sprach auch über eigene Erfahrungen als Soldat im Westjordanland. Dort sei ihm früh klar geworden, dass Gewaltverhältnisse oft anders lägen, als sie in vereinfachten Erzählungen dargestellt würden. Zudem kritisierte er den Rechtsruck der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu deutlich.

Deutschland müsse deshalb nicht nur mit israelischen, sondern auch mit palästinensischen Gesprächspartnern den Dialog suchen. Zugleich brachte Mendel auch unbequeme Schritte ins Spiel, etwa stärkeren politischen Druck auf Israel wegen der völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik im Westjordanland.

Zweifel im Publikum, Hoffnung auf Dialog

In der Diskussion mit dem Publikum ging es auch um die Zukunft der Zweistaatenlösung. Mendel räumte ein, dass derzeit der politische Wille für eine Umsetzung kaum erkennbar sei. Trotzdem sieht er langfristig weiter Chancen, wenn illegale Siedlungspolitik gestoppt und faire Lösungen für die besetzten Gebiete gesucht würden.

Zum Schluss verwies er auf die Hagar-Schule in Be’er Sheva, ein jüdisch-palästinensisches Kooperationsprojekt, das er unterstützt. Für Mendel bleibt genau dort der Ansatzpunkt: Gesprächsbereitschaft, gegenseitiger Respekt und konkrete Zusammenarbeit als Voraussetzung, um den festgefahrenen Konflikt überhaupt wieder in Bewegung zu bringen. (red)

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