Urban Priol stürzt sich in Bad Orb in die Fluten des täglichen Irrsinns - Publikum ist begeistert
Dienstag, 28.04.2026
BAD ORB - Seit zwei Monaten ausverkauftes Haus: Kein Wunder. Urban Priol ist ja nicht irgendwer ...
Der deutsche Kabarettist, besonders durch die Fernsehsendung „Neues aus der Anstalt“ bekannt, ist zudem Inhaber und Gründer des „Kabaretts im Hofgarten“. In Aschaffenburg, also quasi „vor der Haustüre“. Während der alljährliche Rückblick „Tilt!“ von vielen sehnsüchtig erwartet wird, gestaltet sich das aktuelle Programm „Im Fluss“ noch näher am Puls der Zeit, noch mitreißender.
Von Dahinplätschern keine Spur
Drei Stunden – und da ist die Pause schon abgezogen – reißt der 64-jährige Aschaffenburger sein knapp 900-köpfiges Publikum im Theatersaal der Konzerthalle mit, kommt von der Wahl in Ungarn zum Buckelwal, von der Politik zur Gesamtgesellschaft, von der Talkshow-Moderatorin zum Januar-Wetter, mischt Analyse und Witz, streift Gesellschaft, Politik und Ökonomie gleichermaßen, überzuckert all das mit Parodie und Persiflage.
Und das im Plauderton – wenn er nicht gerade Angela Merkel aus der Schublade holt, aber auch Markus Lanz, Markus Söder, Edmund Stoiber und den amtierenden Kanzler. Über Letzteren hat er ohnehin viel zu sagen: „Was ist der kürzeste Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen?“, will er etwa in einer rhetorischen Frage wissen: „Ein Merz.“ Mit diesem gehe immer wieder „das Populistentourette durch“, rein optisch schon erkennbar dadurch, dass „es oberhalb des Krawattenknotens anfängt, rot hochzulaufen“.
"Also Fräulein, Sie Backfisch ..."
Überhaupt „erinnert er mich an Alfred Tetzlaff“, den Hauptprotagonisten aus der TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“. „Er klingt immer so wie Siebziger“, so, als wolle er eine weibliche Gesprächspartnerin ansprechen mit „Also Fräulein, Sie Backfisch“ und einen männlichen mit „Noch so eine Frage, junger Mann, dann geht’s heute ohne Kakao ins Bett.“ Für Priol steht fest: „Es ging und geht ihm nur um eins: Kanzler sein und Kanzler bleiben.“
Vom Merzschen "Einstecktuch"
Nicht besser weg kommt Carsten Linnemann, das Merzsche „Einstecktuch“. „Wenn ich nicht wüsste, dass es die KI 1977 noch nicht gab, ich würde schwören, der ist aus dem 3D-Drucker entstanden.“ Künstliche Intelligenz gegen natürlich Dummheit also. Bitterböse auch der Kommentar zum Grünen-Vorschlag, Angela Merkel zur neuen Bundestagspräsidentin zu machen: „In dem Moment hätte ich so gerne eine GoPro im Büro vom Merz gehabt“, stellt Priol fest. „Die Mumie kehrt zurück“ - und würde dann auch gleich noch die Vorgesetzte von Merz.
Bissig bis boshaft kriegen ringsum alle ihr Fett weg: Markus Söder: „Mein Ministerpräsident, der Breitbeinige“. Jens Spahn wird wahlweise zum „Frosch mit der Maske“, der in der Politik „irrlichtert“, oder zu „Frankensteins Gesellenstück“. Wolfgang Kubicki: „Der Quartals-Irre“. Aiwanger als „Bayerischer Wirtshausminister“ findet noch namentlich Erwähnung, den „Kulturkampfminister“ muss er schon gar nicht mehr beim Namen nennen. Olaf Scholz bleibt ein Stück weit außen vor: „Den kann man nicht mal parodieren, da muss man Pantomime können“, wie Priol spottet.
"Boris Rhein hat das Charisma einer Scheibe Knäckebrot"
Boris
Rhein attestiert er „das Charisma einer Scheibe Knäckebrot“ und den
Wählerinnen und Wählern der AfD, wegen der er einen Teil seines
Bildschirms abgeklebt hat, dass „nicht jeder gleich ein Nazi“ sei.
„Mancher ist halt einfach blöd“, weshalb zwischen „den
Faschofunktionären der Partei und den Wählern“ schon unterschieden
werden müsse. Dass die AfD just einen Antrag gestellt hat, die
Vermögenssteuer komplett abzuschaffen, führt Priol zu der Frage: „Wer
wählt die? Die Unterschicht.“
AfD stehe übrigens für „Alle Familienmitglieder drin“. Und die könne man doch nicht wählen, eher schon den Wahlzettel ungültig abgeben oder die „Partei zur Rettung des Gartenschlauchs“ ankreuzen. „Aber doch keine Partei, die mit demokratischen Mitteln die Demokratie abschaffen will!“ Johlendes Gelächter und Begeisterungsstürme im Publikum: Die scharfsinnigen Beobachtungen des Kabarettisten in Kombination mit seinem beißenden Spott finden begeisterten Anklang.
Alle bekommen ihr Fett weg
Priol mäandert von der Innen-
zur Außenpolitik, vom gesellschaftlichen Geschehen zur Wirtschaft.
Bestimmend in der Politik: Das „Team Yesterday“, zu dem Priol aktuell
verantwortliche Politiker erklärt, sei verantwortlich für „ein
Sammelsurium von vagen Absichtserklärungen des Ungefähren“. Die SPD, das
„Spurenelement“, bekommt ihr Fett weg, die „Große Koalition“ ist für
ihn bestenfalls ein „Grokölchen“. Ein weiterer Seitenhieb Richtung
Kanzler: Offenbach ist die sicherste Großstadt Hessens - „und die haben
gar kein deutsches Stadtbild mehr“.
Priol freut sich, dass „das aufgedunsene Sackgesicht Orban nun Geschichte ist“ und schlussfolgert, dass der Wal, der seit vier Wochen das ganze Land in Atem hält, „auch ein bisschen blöd“ sein müsse: „Da schwimmt er sich frei und biegt dann ab. Nach rechts. Richtung Osten.“ Der Spott gilt aber ebenso den Katastrophentouristen, die „glotzen und in ihr Fischbrötchen beißen und sagen: Oh, der arme Wal“. Sondervermögen, Boni, Infrastruktur, Bahn- und Autofahrten – nichts ist vor der scharfen Zunge des Wortkünstlers sicher. Schon gar nicht die Bild-Zeitung, „das Zentralorgan niederer Instinkte“.
Priol spottet und parodiert
Auch vor den Frauen in der Politik macht er nicht
Halt: „Seit 44 Jahren“ sei ihm noch sie „so etwas Grottenschlechtes wie
Katharina Reiche untergekommen“, zieht der Kabarettist Bilanz. Die „Miss
Ernte“ Julia Klöckner klingt in seiner Aussprache stark nach
„Missernte“, und mit Dorothee Bär zusammen seien sie „die Dreifaltigkeit
der Unfähigkeit“. Fazit: „Wenn solche Frauen glucksend beieinander
sitzen, hockt der Teufel in der Ecke und lernt.“
Priol spottet und parodiert, verbindet die relevanten Themen der Zeit und die, die nur dafür gehalten werden, auf geniale Weise, scheinbar auch nach drei Stunden Programm noch mühelos. Und zieht in Eastwoodscher Manier die Schlussfolgerung: „Zu viele Arschlöcher, zu wenig Kugeln.“ Dennoch findet er am Ende einen versöhnlichen Abschluss, bevor ihm stürmischer Applaus dankt: „Morgen ist heute schon die gute alte Zeit von gestern. Machen wir das Beste daraus.“
Das Beste für ihn nach diesem Parforceritt durch die Gegenwart: Ein helles Schlappeseppel, hergestellt in seinem Heimatort. Das trinkt Priol im Foyer, hält einen Schwatz mit Danyel Monego von der wunderBAR Eventgastronomie und signiert für seine zahlreichen Fans. (red)

