Nach jahrelanger Ermittlung

Behörde vermutet betrügerischen Arzt in den USA - doch es ist ganz anders

Ermittlungen gegen Arzt führen in falsche Richtung. (Symbolfoto) - Foto: Pixabay/Parentingupstream


Samstag, 25.07.2026
von Redaktion Kinzig News

FRANKFURT AM MAIN/FULDA - Hessische Staatsanwaltschaften ermitteln seit rund zwei Jahren gegen einen Arzt wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug. Anfang 2026 wurde das Verfahren allerdings vorläufig eingestellt: Die Ermittler gingen davon aus, dass sich der Mediziner wahrscheinlich in den USA aufhielt und nicht erreichbar war.

Eine Recherche des Hessischen Rundfunks führte dagegen nur wenige Schritte entfernt zu dem Beschuldigten. Der Arzt ist demnach Mitglied einer baden-württembergischen Ärztekammer und arbeitet in der Notaufnahme einer Klinik in Nordbaden.

Vorwürfe wegen ungewöhnlich hoher Rechnungen

Ausgangspunkt des Falls war ein hr-Bericht aus dem Jahr 2024 über einen privatärztlichen Notdienst. Der betreffende Arzt hatte Patientinnen und Patienten zu Hause behandelt.

Dabei soll er in einzelnen Fällen Rechnungen gestellt haben, die deutlich über den üblichen Beträgen lagen. Mehrere Betroffene schlossen sich daraufhin zusammen und erstatteten über einen gemeinsamen Rechtsanwalt Anzeige.

Ermittlungen wechseln von Frankfurt nach Fulda

Zunächst beschäftigte sich die Staatsanwaltschaft Frankfurt mit dem Fall. Mitte 2025 wurden die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft Fulda abgegeben.

Dort ist eine spezialisierte Stelle für den Verdacht des Abrechnungsbetrugs durch Ärztinnen und Ärzte zuständig. Anfang 2026 teilte die Behörde mit, der Aufenthaltsort des Beschuldigten habe nicht ermittelt werden können.

Behörde vermutet Arzt in den USA

Nach Einschätzung der Ermittler hielt sich der Mediziner vermutlich im Ausland auf – wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten. Das Verfahren wurde deshalb vorläufig eingestellt.

Eine solche Entscheidung ist möglich, wenn ein Beschuldigter vorübergehend nicht erreichbar ist. Die Annahme eines Aufenthalts in den USA stellte sich jedoch offenbar als falsche Spur heraus.

Anfrage bei Ärztekammer führt nach Baden-Württemberg

Der hr wandte sich zunächst an die Landesärztekammer Hessen, bei der der Arzt zu Beginn der Ermittlungen registriert gewesen war.

Dabei stellte sich heraus, dass der Mediziner nach Baden-Württemberg gewechselt war. Die dortige Landesärztekammer bestätigte, dass er inzwischen Mitglied der Bezirksärztekammer Nordbaden ist.

Klinik nennt Arzt als Mitarbeiter

Mit dieser Information ließ sich laut hr-Recherche auch der aktuelle Arbeitgeber des Mannes ausfindig machen.

Auf der Internetseite einer Klinik in Nordbaden wurde der Arzt demnach als Mitarbeiter der Notaufnahme geführt. Während die Staatsanwaltschaft ihn in den USA vermutete, arbeitete er somit offenbar weiterhin in Deutschland.

Arzt bestreitet strafbares Verhalten

Der hr kontaktierte den Mediziner über seine E-Mail-Adresse bei der Klinik sowie über den inzwischen nicht mehr aktiven privatärztlichen Notdienst.

Daraufhin meldete sich ein Medienanwalt des Arztes. Sein Mandant habe von dem Ermittlungsverfahren und dessen zwischenzeitlicher Einstellung keine Kenntnis gehabt. Der Arzt bestreite, sich strafbar verhalten zu haben. Bis zu einer möglichen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Hohe zweistellige Zahl an Beschwerden

Nach Angaben der Landesärztekammer Hessen liegt gegen den Mediziner eine hohe zweistellige Zahl an Beschwerden wegen seines Abrechnungsverhaltens vor.

Zu den konkreten Inhalten äußert sich die Kammer aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht. Beschwerdezahlen in einer solchen Größenordnung seien jedoch außergewöhnlich.

Zehn Verfahren vor dem Berufsgericht

Beim Berufsgericht für Heilberufe am Verwaltungsgericht Gießen sind laut hr derzeit zehn Verfahren gegen den Arzt anhängig.

Das Gericht kann die erhobenen Vorwürfe zurückweisen oder berufsrechtliche Maßnahmen verhängen. Das Spektrum reicht von einer Ermahnung über Geldbußen bis zur Feststellung, ein Mediziner sei unwürdig, seinen Beruf weiter auszuüben.

Beschwerden laut Anwalt nicht bekannt

Der Arzt lässt die Angaben über die Beschwerden ebenfalls zurückweisen beziehungsweise infrage stellen. Sein Anwalt erklärte, dem Mediziner seien die angeblichen Beschwerden nicht bekannt.

Deshalb könne er sich zu deren Inhalt nicht äußern. Der Arzt habe eine Person, die er unter den Beschwerdeführern vermute, nach Darstellung seines Anwalts mehrfach kostenlos behandelt.

Ermittlungen nach hr-Anfrage wieder aufgenommen

Der Hessische Rundfunk konfrontierte die Staatsanwaltschaft Fulda schließlich mit dem Ergebnis seiner Recherche.

Nur etwa eine Stunde später teilte die Behörde mit, dass ein Aufenthalt des Arztes im Inland nun tatsächlich bestätigt worden sei. Das zuvor eingestellte Ermittlungsverfahren werde wieder aufgenommen.

Anwalt der Betroffenen kritisiert Ermittlungen

Der Frankfurter Rechtsanwalt Wolfgang Kolpin vertritt die Menschen, die Anzeige gegen den Arzt erstattet haben. Er kritisiert den bisherigen Verlauf des Verfahrens.

Zunächst habe er über Monate nichts von der Staatsanwaltschaft Frankfurt gehört und deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde wegen Untätigkeit eingereicht. Nach der Weitergabe der Akten nach Fulda sei schließlich die Mitteilung über die vorläufige Einstellung gefolgt.

Telemedizin-Plattform könnte zur falschen Spur geführt haben

Wie die Ermittler zu der Vermutung gelangten, der Mediziner lebe in den USA, ist nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung findet sich nach Angaben des hr im Internet.

Der Arzt bot seine Leistungen auf einer Telemedizin-Plattform an, deren Sitz sich im Großraum Austin im US-Bundesstaat Texas befindet. Über solche Plattformen können Mediziner jedoch von unterschiedlichen Orten aus Online-Sprechstunden anbieten.

Plattform-Sitz offenbar mit Wohnort verwechselt

Möglicherweise schlossen die Ermittler aus dem Sitz des Unternehmens darauf, dass sich auch der Arzt in den Vereinigten Staaten aufhielt.

Ob dies tatsächlich die Grundlage der fehlerhaften Annahme war, ist nicht bestätigt. Fest steht bislang nur: Nach dem Hinweis auf seine Tätigkeit in Nordbaden hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Mediziner wieder aufgenommen. (red)

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