Reform des Arbeitszeitgesetzes: Gewerkschaft geht auf die Barrikaden
Sonntag, 26.07.2026
von Redaktion Kinzig News
HANAU/MAIN-KINZIG-KREIS - Rund 3510 Kinder unter drei Jahren besuchen im Main-Kinzig-Kreis und in der Stadt Hanau eine Kindertageseinrichtung. Die Betreuungsquote liegt damit nach Angaben der amtlichen Statistik bei gut 30 Prozent.
Der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten reicht das nicht aus. Die NGG Rhein-Main verweist auf eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, nach der sich Eltern in Hessen für 52 Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz wünschen.
Gewerkschaft sieht deutliche Betreuungslücke
Gerade berufstätige Eltern seien auf verlässliche Betreuungsmöglichkeiten angewiesen, erklärt NGG-Geschäftsführer Hendrik Hallier. Der tatsächliche Bedarf liege deutlich über der derzeitigen Quote.
Fehlende Plätze erschwerten es Eltern bereits heute, Arbeits- und Betreuungszeiten miteinander abzustimmen. Insbesondere bei längeren oder wechselnden Arbeitszeiten stoße diese Organisation schnell an ihre Grenzen.
NGG kritisiert geplante Änderung des Arbeitszeitrechts
Zusätzliche Probleme befürchtet die Gewerkschaft durch die von der Bundesregierung geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes. Die NGG spricht von einer Aufweichung beziehungsweise Abschaffung des klassischen Acht-Stunden-Tages zugunsten einer stärker an der Wochenarbeitszeit ausgerichteten Regelung.
Aus Sicht der Gewerkschaft könnten Beschäftigte dadurch an einzelnen Tagen deutlich länger arbeiten müssen. Für Familien werde es dann schwieriger, feste Abholzeiten von Kitas und andere Betreuungspflichten einzuhalten.
Kita- und Arbeitszeiten oft eng aufeinander abgestimmt
In vielen Haushalten seien Arbeitsbeginn, Feierabend und Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen schon jetzt eng miteinander verzahnt, argumentiert Hallier.
Verlängere sich ein Arbeitstag kurzfristig auf zehn oder zwölf Stunden, lasse sich die Abholung der Kinder häufig nicht mehr eigenständig organisieren. Die NGG befürchtet, dass sich dies langfristig auch auf die Erwerbstätigkeit von Eltern auswirken könnte.
Auch pflegende Angehörige betroffen
Die Gewerkschaft sieht nicht nur Familien mit kleinen Kindern unter Druck. Auch Beschäftigte, die Angehörige zu Hause versorgen, seien auf planbare Arbeitszeiten angewiesen.
Pflege müsse häufig eng mit ambulanten Diensten, Arztterminen oder weiteren Familienmitgliedern abgestimmt werden. Sehr lange Arbeitstage könnten diese Organisation zusätzlich erschweren.
Frauen übernehmen häufiger Sorgearbeit
Nach Angaben der NGG zeigen Daten aus der Beschäftigtenbefragung „Index Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dass Frauen häufiger Sorgearbeit übernehmen als Männer.
Demnach gaben 51 Prozent der befragten Frauen an, sich zu Hause um Kinder oder ältere Angehörige zu kümmern. Bei den Männern waren es 41 Prozent.
Alleinerziehende besonders unter Druck
Schon heute habe gut ein Fünftel der Beschäftigten häufig Schwierigkeiten, Beruf und Familie zeitlich miteinander zu vereinbaren, berichtet die Gewerkschaft.
Bei alleinerziehenden Frauen liege der Anteil demnach bei 42 Prozent. Unvorhersehbar längere Arbeitstage könnten diese Gruppe nach Einschätzung der NGG besonders stark treffen.
NGG warnt vor sehr langen Arbeitswochen
Die Gewerkschaft kritisiert insbesondere die Möglichkeit, die Arbeitszeit stärker über die gesamte Woche zu verteilen. Nach ihrer Darstellung könnten dadurch Wochen mit bis zu 48 Stunden und in Ausnahmefällen deutlich darüber hinaus entstehen.
Die NGG warnt, dass solche Modelle zwar auf dem Papier flexibel wirken könnten, für Beschäftigte mit festen Betreuungs- oder Pflegepflichten jedoch erhebliche Planungsprobleme verursachten.
Mehr Kita-Plätze statt längerer Arbeitstage
Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel hält die Gewerkschaft längere Arbeitstage für den falschen Ansatz. Gerade das Gastgewerbe, das Lebensmittelhandwerk und die Nahrungsmittelindustrie suchten vielerorts qualifiziertes Personal.
Mehr Beschäftigte ließen sich nach Überzeugung der NGG eher durch bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Dienstpläne und zusätzliche Betreuungsplätze gewinnen.
Gewerkschaft verweist auf Gesundheitsrisiken
Neben den Folgen für Familien warnt die NGG auch vor gesundheitlichen Belastungen. Mit zunehmender Dauer eines Arbeitstages steige das Unfallrisiko, erklärt Hallier.
Nach zwölf Arbeitsstunden sei es nach Darstellung der Gewerkschaft etwa doppelt so hoch wie nach einem regulären Acht-Stunden-Tag. Als mögliche Folgen dauerhaft langer Arbeitszeiten nennt die NGG zudem Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout.
Forderung nach verlässlichen Arbeitszeiten
Die NGG Rhein-Main fordert deshalb, am Acht-Stunden-Tag festzuhalten und gleichzeitig das Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren auszubauen.
Aus Sicht der Gewerkschaft brauchen Familien vor allem zwei Dinge: ausreichend Kita-Plätze und Arbeitszeiten, auf die sie sich im Alltag verlassen können. (red)