Hitze beschleunigt Weinlese im Rheingau – woran Winzer jetzt verzweifeln
Sonntag, 30.08.2026
von Redaktion Kinzig.News
RHEINGAU - Die Weinlese im Rheingau beginnt in diesem Jahr deutlich früher als gewohnt. Nach dem langen, heißen und sonnigen Sommer sind die Trauben schneller gereift. Nach Angaben des Rheingauer Weinbauverbands liegt die Ernte bereits rund zwei Wochen vor dem Termin des vergangenen Jahres. Für viele Betriebe bringt das erhebliche organisatorische Probleme mit sich.
Besonders ungünstig fällt die Verschiebung mit dem Ende der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden zusammen. Das zehntägige Weinfest endete erst am vergangenen Sonntag. Zahlreiche Winzer mussten dort ihre Stände abbauen und praktisch unmittelbar danach mit der Arbeit in den Weinbergen beginnen.
Nach dem Weinfest geht es direkt in die Weinberge
Nach Angaben von Dominik Russler, Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands, waren 95 Winzer allein am Sonntag mit dem Abbau ihrer Stände beschäftigt. Bereits zu Wochenbeginn seien gleichzeitig die ersten Vollernter in den Weinbergen unterwegs gewesen.
Zuerst werden vor allem Trauben geerntet, die für Sektgrundweine bestimmt sind. Auch die Riesling-Lese steht jedoch unmittelbar bevor. Damit verschiebt sich eine Arbeit, die früher vielfach erst im September begann, zunehmend in den August.
Weinlese hat sich innerhalb weniger Jahre stark verschoben
Wie deutlich diese Entwicklung inzwischen ist, zeigt ein Vergleich mit früheren Jahren. Simon Schreiber vom gleichnamigen Weingut in Hochheim berichtet, dass die Ernte zu Beginn seiner Ausbildung im Jahr 2010 noch Mitte oder Ende September begonnen habe.
Inzwischen startet die Weinlese teilweise bereits Mitte August. Lange Hitze- und Dürreperioden beschleunigen die Reifung der Trauben und sorgen dafür, dass der optimale Erntezeitpunkt immer früher erreicht wird.
Frühe Ernte wird zum organisatorischen Problem
Für die Winzer ist die Verschiebung nicht nur eine Frage des Kalenders. Erntehelfer werden üblicherweise lange im Voraus organisiert. Dabei orientieren sich die Betriebe an den Erfahrungswerten der vergangenen Jahre.
Wenn die Trauben plötzlich deutlich früher gelesen werden müssen, stehen viele Helfer zum benötigten Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Die Betriebe müssen deshalb kurzfristig improvisieren.
Vom Büro und der Küche direkt in den Weinberg
Nach Angaben des Weinbauverbands setzen viele Weingüter derzeit praktisch alle verfügbaren Mitarbeiter bei der Ernte ein. Nicht nur Beschäftigte, die ohnehin im Weinberg arbeiten, müssen mithelfen.
Auch Mitarbeiter aus Küche, Gästebetrieb oder Marketing können deshalb kurzfristig bei der Weinlese eingesetzt werden. Damit versuchen die Betriebe, das fehlende Personal zumindest teilweise aufzufangen.
Kleinere Trauben könnten geringeren Ertrag bringen
Die große Hitze und Trockenheit haben zugleich Auswirkungen auf die Trauben selbst. Nach Einschätzung des Weinbauverbands fallen sie in diesem Jahr etwas kleiner aus als gewöhnlich.
Dadurch könnte der Ertrag geringer sein. Gleichzeitig steigt allerdings die Konzentration von Zucker, Aromen und anderen Inhaltsstoffen in den einzelnen Trauben.
Hitze dürfte Wein geschmacklich nicht ruinieren
Welche Auswirkungen der heiße Sommer letztlich auf die Qualität des Jahrgangs hat, lässt sich nach Einschätzung der Fachleute derzeit noch nicht abschließend beurteilen.
Russler zeigt sich jedoch optimistisch. Zwar könne durch die höhere Zuckerkonzentration auch der Alkoholgehalt steigen. Dramatische Auswirkungen auf den Geschmack erwartet der Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands aber nicht.
Frühe Weinlesen werden auch international häufiger
Die Verschiebung der Erntezeit ist kein ausschließlich hessisches Phänomen. Auch in anderen europäischen Weinregionen beginnt die Lese inzwischen früher.
In der französischen Champagne startete die Weinlese in diesem Jahr nach Angaben der Hessenschau so früh wie noch nie seit Beginn entsprechender Aufzeichnungen im frühen 20. Jahrhundert. In französischen Weinbaugebieten hätten sich die Erntetermine innerhalb von 50 Jahren durchschnittlich um rund drei Wochen nach vorne verschoben.
Für Rheingauer Winzer beginnt die arbeitsreichste Zeit früher
Im Rheingau bedeutet die Entwicklung vor allem: Die ohnehin arbeitsintensivste Phase des Jahres startet immer früher. Für viele Betriebe ging es in diesem Jahr direkt vom Wiesbadener Weinfest in die Weinberge.
Ob die frühe Ernte am Ende einen besonderen Jahrgang hervorbringt, wird sich erst nach Verarbeitung und Ausbau der Trauben zeigen. Schon jetzt steht jedoch fest, dass der heiße Sommer die Arbeitsabläufe in den Weingütern erneut deutlich verändert hat. (red)