Perspektivwechsel hin zur "inneren Oma"

Sie erobert aktuell die Spiegel-Bestsellerliste und kommt nach Bad Orb: Franca Cerutti im Interview

Franca Cerutti hat es geschafft, dass ihr neuestes Buch innerhalb weniger Tage auf die Bestsellerliste der Sachbuch-Paperbacks gesprungen ist. - Foto: Immo Fuchs


Montag, 21.09.2026
von ANDREA EULER

BAD ORB - Es dauerte nur wenige Tage, da landete das Buch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste der Sachbücher Paperback ...

Franca Cerutti hat mit ihrem neuen Titel „Die innere Oma. Gelassenheit lernen von der weisesten Version Deiner selbst“ ganz offenkundig ins Schwarze getroffen. Die Psychotherapeutin, Podcasterin und Autorin von Psychologie to go! wird am Mittwoch, 7. Oktober, in Bad Orb auf der Bühne stehen und den Titel präsentieren, der im September auf den Markt gekommen ist.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der „Kleinen Bad Orber Buchmesse“ im Gartensaal der Konzerthalle statt, Beginn ist um 19.30 Uhr. Im Gespräch berichtet die Autorin von ihrem eigenen Kontakt zu ihrer inneren „Omma“, von dem Entstehen dieses neuen Konzepts und der Anregung, im eigenen Leben immer mal einen Perspektivwechsel einzubauen. Ein Gespräch mit Andrea Euler ...

Frau Cerutti, das Konzept der „inneren Oma" folgt dem Gedanken, einen positiven, konstruktiven Blick in die eigene Zukunft zu werfen. Empfinden Sie die Menschen generell als zu wenig positiv und zukunftsgewandt? Wem könnte ein solcher Blick denn helfen?

Franca Cerutti: Was ich in der Praxis vor allem sehe, ist Müdigkeit im Hier und Jetzt und dadurch eine erschöpfte Kapazität, sich auch noch um die Zukunft zu kümmern. Die Forschung zeigt: Viele Menschen haben überhaupt keine Verbindung zu dem Menschen, der sie in Zukunft mal sein werden. Sie erleben ihr zukünftiges Ich wie eine fremde Person, ungefähr so vertraut wie ein entfernter Bekannter. Kein Wunder, dass wir uns für diesen Fremden ungern Mühe geben, weder indem wir etwas ansparen noch durch gute Lebensentwürfe für die mittelfristige und fernere Zukunft. Helfen kann der Blick nach vorn deshalb allen, die sich im Heute verheddert haben: den Grüblerinnen, den Perfektionisten, den Menschen, die vor lauter Alltagsstress vergessen haben, dass sie irgendwann auf all das zurückschauen werden. Vom Lebensende aus betrachtet schrumpfen viele unserer Sorgen und Alltagsreibereien nämlich zusammen, und die Prioritäten sortieren sich. Das kann enorm entlastend sein.

Sind ausschließlich diese Menschen die Zielgruppe Ihres Buches?

Franca Cerutti: Geschrieben habe ich es zunächst für Menschen, die vom Dauerperformen erschöpft sind. Die Zielgruppe des Ratgebermarkts also, nur mit einem umgekehrtem Angebot: Mein Buch legt nichts obendrauf, es nimmt Druck weg. Ich gebe keine Anleitung, wie man immer besser wird, sondern ich schlage vor, ganz vieles zu lassen. „Die innere Oma“ ist eine Erlaubnis zum Durchatmen, für uns alle. Man braucht keine Diagnose, keine Krise und keine bestimmte Lebensphase, um sich zu fragen, worauf man einmal zurückblicken möchte und was wirklich gezählt haben wird am Ende. Männer bauen sich übrigens einfach einen inneren Opa, das funktioniert genauso.

Sie haben in einer Podcast-Folge gesagt: „Unser innerster, ältester Anteil kann Mut und Kraft geben, das Richtige zu tun". Wie soll das denn möglich sein?

Franca Cerutti: Über Distanz und Verbindung gleichzeitig. Der Psychologe Ethan Kross hat gezeigt, dass Menschen klüger denken und Gefühle besser regulieren, sobald sie ein Problem von außen betrachten, zum Beispiel so, als belaste es nicht sie selbst, sondern eine Freundin. Über fremde Konflikte urteilen wir nämlich deutlich weiser als über unsere eigenen. Die Forschung nennt es das „Salomon-Paradox“. Das Konzept der inneren Oma nutzt diesen Effekt, denn sie sitzt am fernsten Punkt des eigenen Lebens und schaut vom Ende her zurück. Von dort aus sieht sie ganz klar, welche Sorgen sich in Luft auflösen werden und welche Entscheidungen zählen. Das ist die Distanz. Und die Verbindung besteht darin, dass unser ältestes Zukunfts-Ich sich für uns natürlich das allerbeste Leben wünscht. Und weil sie weiß, dass Menschen am Ende fast nie die Dinge bereuen, die sie gewagt haben, sondern die, die sie sich verkniffen haben, macht sie ganz viel Mut und gibt uns den einen oder anderen Schubs.

Sind Sie selbst denn mehr oder weniger regelmäßig mit Ihrer „inneren Oma" in Kontakt?

Franca Cerutti: Fast täglich, würde ich sagen - wobei sie sich meistens dann meldet, wenn ich mich gerade in etwas verbissen habe oder zu perfektionistisch mit irgendwas bin. Meine innere Oma ist ja im Ruhrgebiet groß geworden, also ist sie streng genommen eine „Omma": weiße Haare, bunte Gummistiefel, immer Kaffee in Reichweite, und sie schert sich weder um Konventionen noch um Kalorien. Auf meinem Handy habe ich außerdem ein mit KI gealtertes Foto von mir – ich stehe darauf mit wehenden weißen Haaren auf der Fähre nach Finnland und strahle. Das erinnert mich daran, dass die Franca in der Zukunft damit leben muss, was die Franca von heute entscheidet.

Sie sind Psychotherapeutin, Podcasterin und Autorin von Psychologie to go!, Autorin weiterer Bücher, verheiratet, Mutter dreier Kinder – mahnt Sie Ihre „innere Oma" nicht gelegentlich, es auch einmal etwas ruhiger angehen zu lassen?

Franca Cerutti: Doch, und sie hat ja recht. Vor einiger Zeit habe ich einem gut dotierten Auftrag abgesagt, der einfach nicht zu mir passte – mein innerer Buchhalter fiel kurz in Ohnmacht, aber meine Omma nickte zufrieden. Im Moment sagt sie häufig: „Lass mal gut sein." Das empfinde ich in unserer Anstrengungskultur fast als kleine Revolution, denn meiner Erfahrung nach fühlt sich Nichtstun für viele bedrohlicher an als eine Sechzig-Stunden-Woche. Interessanterweise bremst sie mich aber seltener, als man von einer alten Dame erwarten würde. Sie sortiert eher: Was davon wird in dreißig Jahren noch eine Rolle spielen? Was zahlt auf das Leben ein, das ich haben möchte? Was passt zu meinen Werten?

Das Konzept des „inneren Kindes" ist inzwischen vielen Menschen bekannt. Das der „inneren Oma" eher weniger. Wie sind Sie selbst damit vertraut geworden?

Franca Cerutti: Ich habe meine Mutter verloren, als ich dreizehn war, und mich danach - wie viele Menschen nach einem Verlust - oft gefragt: Was würde sie jetzt dazu sagen? Irgendwann, im Rahmen meiner therapeutischen Weiterbildung, nahm diese Frage dann eine Wendung. Mir wurde klar, dass ich erstens gar nicht wissen kann, was meine Mutter sagen würde, weil ich zu jung war, als sie starb. Und dass es zweitens gar nicht darum geht, es ihr recht zu machen – aber wem dann? In einer Arbeit mit inneren Anteilen stand die Figur der uralten Franca dann plötzlich einfach da: mein gealtertes Ich, das mich so gut kennt wie niemand sonst und das Beste für mich will. Mit diesem Konzept arbeite ich inzwischen seit etwa fünfzehn Jahren in der Praxis. Das Buch ist gewissermaßen die Essenz daraus.

Nicht jeder Mensch kann so weit „aus seiner Haut heraus", dass ein Blick „von außen" – in diesem Fall aus dem Blickwinkel der „inneren Oma" – möglich ist. Was raten Sie denn diesen Menschen?

Franca Cerutti: Zum Glück muss niemand ein Visualisierungstalent sein, es gibt niedrigschwellige Wege. Der einfachste ist schriftlich: einen Brief an die innere Oma schreiben, dann den Raum wechseln, Platz nehmen und die Antwort verfassen. Manchmal steht danach etwas auf dem Papier, das man vorher nicht wusste – oder nicht so genau wissen wollte. Aber das Zukunfts-Selbst ist unbestechlich und lässt sich nicht beschummeln – es sieht oft ziemlich klar. Wer es noch schlichter mag, dem hilft vielleicht schon, einfach das Konzept zu verinnerlichen: Ich werde auch in ferner Zukunft noch existieren – und dafür werde ich einerseits vorsorgen und andererseits auch bedenken, worauf ich irgendwann zurückschauen möchte. Aber eines muss auch klar gesagt werden: Wo alte Muster sehr tief sitzen und große Probleme verursachen, ersetzt kein Buch und keine Übung eine therapeutische Begleitung.

Die „innere Oma" wird uns Ratschläge geben, wie wir mit uns selbst umgehen soll(t)en. Haben Sie eine Anregung, was jede und jeder von uns machen kann, um psychisches Wohlergehen zu erlangen?

Franca Cerutti: Ich schlage vor, öfter mal einen Perspektivwechsel einzubauen, z.B. die Frage „Wie kriege ich das perfekt hin?" gegen die Frage tauschen: „Wird sich daran in zehn Jahren überhaupt noch jemand erinnern?" Und dann würde ich empfehlen, den Tonfall, in dem wir mit uns selbst sprechen, einige Grad wärmer zu drehen. Die Forschung zum Selbstmitgefühl zeigt, dass schon wenige Minuten freundliches statt selbstkritisches Nachdenken über einen eigenen Fehler die Bereitschaft erhöhen, daraus zu lernen. Diesen warmen, freundlichen Tonfall können wir üben, jeden Tag ein bisschen.

Eintrittskarten zu 14 Euro sind in der Tourist-Information Bad Orb, unter www.bad-orb.info sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich. (red)

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