Hunderte Besucher bei Jubiläums-Hoftag

Wo das Miteinander wächst: Hofgut Marjoß feiert 50. Geburtstag

Seit 50 Jahren verbindet das Hofgut Marjoß Teilhabe am Arbeitsleben mit Landwirtschaft und Natur. - Fotos: BWMK gGmbH


Dienstag, 22.09.2026

STEINAU - Seit 50 Jahren verbindet das Hofgut Marjoß Teilhabe am Arbeitsleben mit Landwirtschaft und Natur. Beim Jubiläums-Hoftag wurde sichtbar, wie modern eine Idee geblieben ist, die 1976 alles andere als selbstverständlich war.

Lotte hat Wichtigeres zu tun. Während sich an diesem Sonntag Hunderte Menschen über das Hofgut Marjoß bewegen, kaut das Pony bedächtig sein Heu. Nebenan sorgen die Esel Hanni und Nanni bei den Kindern für Entzücken. Ein paar Meter weiter bemalen Mädchen und Jungen eine Wand: Herzen, Sonnen, Tiere, Blumen.

Das Bild wird mit jeder Stunde bunter: Es ist Hoftag in Marjoß – und diesmal zugleich Geburtstagsfest. Das Hofgut des BWMK (Behinderten-Werk Main-Kinzig) wird 50 Jahre alt.

Auf diesem Hof wächst Miteinander 


Man könnte seine Geschichte in Jahreszahlen erzählen. 1976 wurde der landwirtschaftliche Betrieb im Spessart erworben. 1999 erfolgte die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft nach den Richtlinien des Bioland-Verbandes. Heute umfasst das Hofgut rund 110 Hektar und ermöglicht etwa 50 Menschen mit Behinderung Teilhabe am Arbeitsleben.

Doch die Geschichte dieses Ortes lässt sich an diesem Sonntag auch sehen, riechen und schmecken. Auf dem weitläufigen Gelände gibt es frisch gebackenes Brot, Bio-Lebensmittel, Kunsthandwerk und Marjosser Töpferwaren. Der Bioland-Verband informiert über ökologischen Landbau, Hessen-Forst über das Ökosystem Wald. Kinder springen auf einer Hüpfburg aus Heuballen. Die Traktorfahrten hinaus ins Grüne sind wie immer heiß begehrt.

Beim Jubiläums-Hoftag wurde sichtbar, wie modern eine Idee geblieben ist, die 1976 alles andere als selbstverständlich war.
Beim Jubiläums-Hoftag wurde sichtbar, wie modern eine Idee geblieben ist, die 1976 alles andere als selbstverständlich war.

Hunderte Besucher bei Jubiläums-Hoftag 


Beim Marjoßer Angelverein kommen frisch geräucherte Forellen aus dem Rauch. Das Team des Foodtrucks von Lili Catering serviert Schwartemagen-Burger, an der Grill- und Backstation brutzeln Würstchen und Steaks, daneben kommt frischer Flammkuchen aus dem Ofen. Und wer wissen möchte, wie kurz der Weg eines Lebensmittels sein kann, hält sein Glas unter die Apfelpresse: aus der Quetsche direkt ins Glas.

Hinter diesem bunten Fest steht eine Idee, die vor einem halben Jahrhundert bemerkenswert fortschrittlich war: 1976 regte Dr. Rudolf Pabst, einer der Gründer der Lebenshilfe Schlüchtern, an, neben der Werkstatt auch in einem landwirtschaftlichen Betrieb Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Der damalige Landrat Heinrich Kreß unterstützte den Gedanken. Zu einer Zeit, in der Behindertenhilfe noch stark vom Prinzip der Betreuung bestimmt war, ging es in Marjoß um etwas anderes: Menschen sollten arbeiten, Verantwortung übernehmen, ihre Fähigkeiten einbringen und erleben können, dass sie gebraucht werden.

Landwirtschaft und Förderung von Menschen mit Behinderung


Aus dieser Idee ist ein moderner Bioland-Betrieb geworden. Und aus dem Hof ein Ort, der zeigt, dass Teilhabe und wirtschaftliches Arbeiten keine Gegensätze sein müssen. BWMK-Geschäftsführerin Mareike Meister dankte bei der Feierstunde vor allem den Menschen, die diesen Gedanken über Jahrzehnte mit Leben gefüllt haben: dem Team des Hofguts. Konzepte ließen sich entwickeln, Strukturen schaffen – entscheidend seien am Ende diejenigen, die sie im Alltag tragen.

"BWMK geht innovative Wege"


Wie weit die Wirkung des BWMK inzwischen reiche, machte Susanne Simmler deutlich. Die Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen bezeichnete das Sozialunternehmen als „Leuchtturm in Hessen“. Mit seinen Projekten und Initiativen zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung setze das BWMK Signale und gehe innovative Wege.

Landrat Thorsten Stolz lenkte den Blick auf die Region. Das BWMK sei im Main-Kinzig-Kreis an vielen Orten präsent und gestalte das soziale Leben mit. Das Hofgut mache diesen Anspruch auf besondere Weise greifbar. Auf dem Hofgut, sagte Stolz, verbinde das BWMK zwei Aspekte der Nachhaltigkeit: ökologisches Wirtschaften und Teilhabe am Arbeitsleben. Und das Ergebnis seien hochwertige Lebensmittel – etwa in Form der Bio-Eier, die sogar wöchentlich im „Miethuhn-Abo“ bezogen werden können.

"Vorbild für biologische Landwirtschaft und soziales Miteinander"


Auch Steinaus Bürgermeister Christian Zimmermann würdigte das Hofgut als Vorbild für biologische Landwirtschaft und soziales Miteinander. Geld sei in vielen gesellschaftlichen Fragen der begrenzende Faktor. Es dürfe aber nicht die Wege in eine inklusivere Gesellschaft beschränken. Was dieser Weg für die Menschen bedeute, lasse sich nicht allein in Zahlen ausdrücken.

Arbeit als Entwicklungsraum


Manuel Schreiber-Alvarez, stellvertretender Vorsitzender des Werkstattrats, beschrieb, was die Arbeit in Landwirtschaft und Tierpflege bewirken kann: Freude an der eigenen Tätigkeit, wachsendes Selbstvertrauen und die Erfahrung, etwas zu können und Verantwortung zu übernehmen.

Hofgutleiter Dietrich Hunsmann kennt diese Entwicklung aus dem Alltag. Ein landwirtschaftlicher Betrieb biete viele Möglichkeiten, Aufgaben so zu organisieren, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten daran teilhaben könnten. Entwicklung vollziehe sich dabei oft in kleinen Schritten, sagte er. Was von außen klein erscheine, könne für den einzelnen Menschen ein sehr großes Erlebnis sein. 

Lern- und Begegnungsort


Geschäftsbereichsleiter Sascha Schüßler nahm die Gäste der Feierstunde mit durch die fünf Jahrzehnte Hofgeschichte – von den Anfängen bis zum heutigen Bioland-Betrieb mit Naturerlebnis-Zentrum. Denn auch darin hat sich Marjoß verändert: Der Hof ist längst nicht mehr nur Arbeitsstätte. Er ist zu einem Lern- und Begegnungsort geworden.

Schulklassen, Familien und Gruppen erfahren hier, wie Lebensmittel entstehen, was ökologische Kreisläufe bedeuten und warum Tierwohl und Landwirtschaft zusammengehören. Menschen mit Behinderung übernehmen dabei zunehmend eine neue Rolle. Als qualifizierte Bauernhof-Begleiterinnen und -Begleiter führen sie Gäste über das Gelände und vermitteln ihr Wissen.

Vor 50 Jahren stand am Anfang die Überzeugung, dass Menschen mit Behinderung nicht am Rand der Arbeitswelt stehen müssen. Dass Arbeit mehr sein kann als Broterwerb: eine Möglichkeit, Fähigkeiten zu entdecken, Verantwortung zu übernehmen, Selbstvertrauen zu gewinnen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. 1976 war das ein Gedanke, der seiner Zeit voraus war. In Marjoß ist er Alltag geworden. (red)

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