Stefan Cordes gibt Einblicke in die wilde Geschichte der Familie Mozart - ein Interview
Montag, 28.09.2026
von ANDREA EULER
BAD ORB - Mit der Lesung aus “Wir waren Wunder” von Stefan Cordes beginnt am 6. Oktober die Kleine Bad Orber Buchmesse.
In diesem historischen Roman beschreibt der Autor das Leben von Maria Anna Mozart („Nannerl“), die ihr Leben im Schatten ihres kleinen Bruders fristete. Die Lesung mit der musikalisch passenden Untermalung findet am Vorabend der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ab 19.30 Uhr im Gartensaal der Konzerthalle statt; die Eintrittskarte kostet 14 Euro.
Im Interview beantwortet der Autor Fragen zum Schreibprozess und der Recherche, zu persönlichen Vorlieben und künftigen Plänen.
Herr Cordes, Anna Maria Mozart ist nun keine Persönlichkeit, die eine allzu große Bekanntheit erlangt hat. Wie sind Sie auf dieses “Wunderkind” gestoßen?
Stefan Cordes: Tatsächlich hatte ich anfangs gar nicht vor, über Maria Anna Mozart zu schreiben. Ich habe mich für Wolfgangs Kindheit und Jugend interessiert und erst dabei bemerkt: Die Schwester, die ja in den meisten Mozart-Biographien meist unter den Tisch fällt oder nur am Rande als ‘das Nanner’ auftaucht, war in ihren Teenagerjahren ein Star, hat an großen Höfen Europas Konzerte gegeben, wurde in der Presse als Virtuosin gefeiert und hat sogar privat mit der englischen Königin musiziert. Aber kaum war sie achtzehn, verschwand sie nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit und auch aus der Geschichte, während ihr Bruder einer der berühmtesten Künstler der Welt wurde. Und ich wollte unbedingt wissen, wie es dazu gekommen ist.
Die Quellenlage zu ‘Nannerl’ ist vermutlich nicht allzu ergiebig. Welche Quellen haben Sie bevorzugt genutzt? Und wie lange haben Recherche und Schreibarbeit dann gedauert, bis das Manuskript beendet war?
Stefan Cordes: Insgesamt habe ich zwei Jahre recherchiert und geschrieben, und Gott sei Dank ist die Quellenlage über Maria Annas Jugend ausgezeichnet, denn in der Zeit der großen Reisen der Mozart-Familie, von der ich in WIR WAREN WUNDER erzähle, schickt der Vater, Leopold Mozart, regelmäßig Briefe an ihren Vermieter nach Salzburg und beschreibt darin auf Hunderten von Seiten ganz genau alle Erlebnisse der Familie. Nahezu alles, was wir auch aus Mozart-Biografien über die Kindheit und Jugend der beiden Mozart-Kinder wissen, stammt aus diesen Briefen, auch wenn Leopold nicht immer absolut zuverlässig berichtet. Er übertreibt kleinste Erfolge, beschönigt, lässt Misserfolge unter den Tisch fallen, ziemlich faszinierend, oft genug am Rand zur Hochstapelei. Trotzdem ergibt sich aus seinen Briefen ein klares, historisch belegbares Bild dieser Zeit und ihres Familienlebens.
Warum haben Sie, nachdem Sie die Fakten ja ohnehin recherchiert hatten, einen Roman und keine Biografie geschrieben?
Stefan Cordes: Zum Glück hat die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger ja schon eine Biografie über Maria Anna Mozart geschrieben. Ich selbst habe mich für vor allem für die Zeit interessiert, in der die beiden Kinder in diesem Familienunternehmen ‘Mozart’ aufgewachsen sind, meist weit weg von zuhause, in einer Kutsche unterwegs durch halb Europa, wie eine Schaustellertruppe, immer auf der Suche nach Ruhm und Geld.
Und dann geht es in WIR WAREN WUNDER ja vor allem um das schwierige Vater-Tochter-Verhältnis. Vater Leopold selbst war kein bedeutender Musiker, aber er war rasend ehrgeizig, also hat er versucht, durch seine beiden talentierten Kinder Erfolg zu haben. In den ersten Jahren ging es ja nicht allein um Wolfgang. Vater Leopold hat beide gleichwertig als seine Wunderkinder vermarktet, und gerade zu Anfang wird Maria Anna die reifere Spielerin gewesen sein, Wolfgang durch seine Kindlichkeit vielleicht aufsehenerregender. Aber beide Kinder trugen die Verantwortung für den Erfolg dieses riskanten Familienunternehmens, das ja immer auch vom Ruin bedroht war. Und dann, kaum ist Maria Anna achtzehn, lässt der Vater sie fallen, weil mit ihr als Frau kein Geschäft mehr zu machen ist, und reist allein mit dem Sohn weiter. Das ist eben eine emotionale Geschichte, die nicht ihr ganzes Leben überspannt, und schon deshalb viel besser für einen Roman geeignet.
War die Entscheidung, Ihre Bücher aus der “Ich-Perspektive” zu schreiben, von Anfang an klar, oder hat sich das im Laufe des Schreibprozesses entwickelt?
Stefan Cordes: Bei WIR WAREN WUNDER war zuerst meine Faszination für die wilde Familiengeschichte der Mozarts da, und erst nach und nach ist mir klar geworden, dass die interessanteste und emotionalste Perspektive dazu die der Tochter ist. Zu Beginn ihrer großen Reisen ist Maria Anna elf, ein Kleinstadtmädchen aus Salzburg. Wolfgang ist sechs. Die beiden Mozart-Kinder sind nie zur Schule gegangen, und plötzlich treten sie an beinahe allen bedeutenden Höfen Europas auf, spielen in Wien vor der Kaiserfamilie, in London musizieren sie privat mit dem englischen Königspaar. Maria Anna stirbt beinahe in Den Haag, und dann ist am Ende aus Maria Anna eine junge Frau geworden, für die das Leben, das sie bis dahin als Teenager geführt hat, von einem Tag auf den anderen vorbei ist. Nach all diesen Erlebnissen muss sie wieder eine unbedeutende junge Frau in der Kleinstadt werden, die sich um den Haushalt kümmert, Kinder bekommt, so als wäre sie niemals ein Star gewesen, während für ihren Bruder Wolfgang die eigentliche Zeit erst noch beginnt.
Ihre beiden Bücher werden verschiedentlich gefeiert für ihre feministische Perspektive. War das Ihre Absicht, aus einer ‘feministischen Perpektive’ zu schreiben?
Stefan Cordes: Überhaupt nicht. Mich faszinieren einfach die Lebenswege von Künsterinnen und Künstlern, und die sind natürlich umso bewegender, je mehr Widerstände und gesellschaftliche Zwänge ihnen entgegenstehen, über die sie sich hinwegsetzen müssen, um Freiheit zu finden. Sibylla Schwarz aus meinem ersten Roman BILLIE war ein Mädchen, das nichts mehr wollte, als eine berühmte Dichterin zu werden, aber das durfte sie nicht. Und Maria Anna Mozart war es nur als Kind, eben als Wunderkind, erlaubt zu zeigen, wie talentiert sie war. Beide hatten also viel größere Probleme als Männer, wenn sie ihre Träume verwirklichen wollten und deswegen sind ihre Geschichten aus meiner Sicht einfach viel emotionaler, als wenn sie es so leicht gehabt hätten wie ihre Bruder.
Aber das ist keine bewusst feministische Perspektive, sondern allein eine erzählerische. Beim Schreiben kann man sich ja in alle Perspektiven hineinversetzen, wenn einem eine Geschchte nahegeht, und mir ist eine Dichterin des 17. Jahrhunderts nicht fremd, nur weil sie eine Frau ist. Mit einem Fußballspieler der Gegenwart würde ich mich sehr viel schwerer tun.
Hatten Sie während des Schreibprozesses eine bestimmt Zielgruppe im Blick? Rezensentinnen erwähnen häufiger WIR WAREN WUNDER richte sich auch an die Klientel der “Coming-of-age”-Lesenden.
Stefan Cordes: Ich liebe Coming-of-age-Geschichten, natürlich schon deshalb, weil ich selbst drei Kinder zwischen elf und dreiundzwanzig Jahren habe, und die Entwicklungen und Veränderungen in dieser Zeit ja oft abenteuerlich, erstaunlich und in jeder Hinsicht emotional sind. Das fasziniert mich sehr viel mehr als die historische Perspektive oder das Setting. Sibylla Schwarz und Maria Anna Mozart haben sich ja selbst nicht als historische Figuren erlebt, die sie damals eben auch nicht waren, sondern als ganz normale Mädchen und dann als junge Frauen, die in einer Familie aufwachsen, Freundinnen haben, sich unglücklich verlieben, also all das erleben, was Teenager heute auch noch erleben, nur unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen. In dem Sinne kommen ihre Geschichten zwar aus anderen Epochen, ihre Erlebnisse und Gefühle könnten aber genausogut aus der Gegenwart stammen.
Planen Sie nach BILLIE und WIR WAREN WUNDER einen neuen Titel mit einer interessanten, aber wenig bekannten Hauptfigur? Falls ja, verraten Sie, um wen es sich handelt? Oder zumindest, ob es wieder eine Frau sein wird?
Stefan Cordes: Ja, tatsächlich arbeite ich bereits daran. Diesmal ist es eine Geschichte aus dem zwanzigsten Jahrhundert, ich schreibe mich also nach und nach in die Gegenwart. Es geht um eine Frau, der wir eines der größten künstlerischen Werke Deutschlands verdanken und die trotzdem in keinem Schulunterricht erwähnt wird.
Welche Schriftstellerinnen oder welche Schriftsteller und welche Musikerinnen und Musiker begeistern Sie persönlich?
Stefan Cordes: Ich lese alles von Haruki Murakami, selbst wenn ich beim Lesen heimlich denke: Oh je, diesmal kriegt er mich nicht! Mein absolutes Lieblingsbuch aus den letzten Jahren ist aber Gabrielle Zevins “Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow”, habe ich schon dreimal gelesen und zweimal gehört und mache es sicher noch einmal. Bei der Musik verändert sich das je nach Jahreszeit, jetzt im Sommer höre ich meist João Gilberto und all die tolle brasilianische Musik aus den 60ern und wieder viel Sade.