Der Stadtpfarrer bei KN

Impuls von Stefan Buß: Der heilige Wendelin – ein Heiliger für unsere Zeit

Ich bin Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda. - Foto: Hendrik Urbin/KN


Mittwoch, 21.10.2026
von STEFAN BUß

FULDA / MKK - Im Oktober wird vielerorts vor allem im ländlichen Bereich der Hl. Wendelin verehrt. Wenn wir an ihn denken, sehen wir einen Hirten vor uns: einen Menschen mit Tieren, auf den Feldern und Wiesen, draußen in der Natur.

Wendelin lebte im 6. Jahrhundert. Der Überlieferung nach kam er aus einer vornehmen Familie, entschied sich aber gegen ein Leben in Wohlstand und Macht. Er zog sich zurück, lebte einfach und wurde schließlich Hirte. Seine Heiligkeit zeigte sich nicht darin, dass er große Dinge vollbrachte. Sie zeigte sich in einem einfachen Leben, in der Arbeit, im Gebet und in seiner Sorge für die ihm anvertrauten Tiere. Sein Grab befindet sich in der Kirche von St. Wendel.

Vielleicht liegt gerade darin seine Bedeutung für unsere Zeit.

Wir leben in einer Welt, in der vieles größer, schneller und leistungsfähiger werden muss. Immer mehr, immer schneller, immer höher. Wendelin erinnert uns an etwas anderes: Der Mensch ist nicht Herr über die Schöpfung, sondern Teil von ihr und ihr gegenüber verantwortlich.

Ein Hirte besitzt seine Herde nicht einfach. Er trägt Verantwortung für sie. Er muss wissen, wann die Tiere Nahrung brauchen, wann sie Wasser brauchen, wann sie Schutz benötigen. Er muss aufmerksam sein.

Das ist ein starkes Bild für unsere Zeit.

Auch die Erde ist uns anvertraut. Wasser, Boden, Wälder, Tiere und Pflanzen sind keine Selbstverständlichkeiten. Wir können nicht unbegrenzt verbrauchen, ohne Folgen zu hinterlassen. Gerade wenn wir auf die vergangenen Jahre schauen – auf Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Waldschäden und extreme Wetterereignisse –, spüren wir: Die Schöpfung braucht unsere Aufmerksamkeit.

Der heilige Wendelin würde uns vielleicht fragen: Wie gehen wir mit dem um, was uns anvertraut ist? Und noch eine zweite Frage könnte er uns stellen: Was brauchen wir zum Leben? Wendelin steht für ein Leben mit weniger Besitz, aber mit größerer Aufmerksamkeit. Für ein Leben, das nicht zuerst fragt: „Was kann ich mir leisten?“, sondern: „Was brauche ich wirklich?“ Das ist keine romantische Verklärung vergangener Zeiten. Es ist eine Einladung, neu über unsere Lebensweise nachzudenken.

Und noch etwas können wir von Wendelin lernen: Vertrauen.

Ein Hirte weiß, dass er nicht alles in der Hand hat. Er kann säen, pflegen und schützen – aber er kann den Regen nicht machen. Er kann sich um die Tiere kümmern – aber er kann nicht jeden Ausgang vorhersagen. Auch wir können die Welt nicht retten. Aber wir können unseren Teil der Verantwortung übernehmen.

Vielleicht ist das die Botschaft des heiligen Wendelin für heute: Achtsam leben. Verantwortung übernehmen. Die Schöpfung achten. Mit weniger zufrieden sein. Und darauf vertrauen, dass Gott wachsen lässt, was wir in seine Hände legen. Wendelin erinnert uns daran: Heiligkeit kann ganz unspektakulär aussehen.

Sie kann aussehen wie ein Mensch, der sorgsam mit einem Tier umgeht. Wie jemand, der Wasser nicht verschwendet. Wie jemand, der einen Baum pflanzt, obwohl er weiß, dass er selbst vielleicht nicht mehr unter diesem Baum sitzen wird. Wie jemand, der sich fragt: Was kann ich heute tun, damit die Welt ein kleines Stück lebensfreundlicher bleibt?

Der heilige Wendelin lädt uns ein, wieder Hirten zu werden – Hirten der Schöpfung, Hüter des Lebens und Menschen, die dankbar mit dem umgehen, was Gott uns anvertraut hat.

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