RODENBACH

Eintracht-Präsident Peter Fischer (63): "Ich habe dreckige Lieder gelernt"

Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt in Oberrodenbach - Carina Jirsch


Freitag, 07.02.2020
von HANS-HUBERTUS BRAUNE

RODENBACH - Einen wie ihn braucht der deutsche Fußball mehr denn je: Peter Fischer, seit knapp 20 Jahren Präsident von Eintracht Frankfurt. Einer, der sich an einem kalten Donnerstagabend in einem Dorf in der Nähe von Hanau mit den Fans vor den dortigen Treffpunkt stellt und eine (oder auch zwei) Kippe(n) durchzieht. Und dabei den Jungs erklärt, wie das mit den Profis und den Verträgen so ist. Oder mit Alex Meier. Einer, der auch mal den Arm über die Schulter der Fans legt, der mit ihnen feiert, der sie teilhaben lässt an seinem Leben.

Pünktlich kommt er vor dem Schützenhof in Oberrodenbach an. Fährt selbst und hat seinen Kumpel, den bekannten Frankfurter Künstler Mike Kuhlmann, zur Freude der 70 Gäste im gemütlichen "Wohnzimmer" mitgebracht. "Hausbesuche" nennt Fischer seine Treffen mit den Fans, die ihm alles bedeuten. Bei Peter Fischer sind es nicht die üblichen druckreifen Lobeshymnen auf die eigenen Zuschauer. Ihm glaubt man, was er sagt. Das hängt ganz sicher auch mit seiner bewegten persönlichen Geschichte zusammen.

An diesem Abend geht es natürlich um die Eintracht, aber insbesondere auch um dem Menschen Peter Fischer. Am 14. März 1956 im mittelhessischen Lich geboren, verläuft seine Kindheit alles andere als wünschenswert. Seine Eltern getrennt, sein Vater "wird auf dem Weg ins Schwimmbad tot gefahren": Peter Fischer ist früh auf sich allein gestellt. Eine Zeit lang lebt er in einem Kinderheim - irgendwo zwischen Sindelfingen und Böblingen. Mit dem schwäbischen Dialekt kann er sich bis heute nicht anfreunden. Auch nicht mit der Schule. Nach der achten Klasse ist Schluss damit. Stolz, dass er die Schule abgebrochen hat, ist er heute nicht. Als 14-jähriger Jugendlicher zieht es ihn nach Frankfurt am Main.

Der Frankfurter Künstler Mike Kuhlmann ist seit über 30 Jahren ein guter Kumpel von Peter Fischer
Der Frankfurter Künstler Mike Kuhlmann ist seit über 30 Jahren ein guter Kumpel von Peter Fischer

Dort habe er zum Glück "gute Menschen" getroffen. Im Kaufhof hat er eine Lehre zum Wein- und Spirituosenkaufmann absolviert. Beruflich ging es dann steil nach oben. Werbekaufmann, Unternehmensberater und Chef verschiedener Firmen und Clubs - zum Beispiel auf Ibiza. Seine Vita ist spannend und abwechslungsreich. Doch auch die Eintracht kommt immer stärker ins Spiel. Mit einem Kumpel geht es das erste Mal ins heimische Waldstadion. Die Jungs schmuggeln sich ohne Tickets irgendwie in die Fußballstätte. Stehplatz im G-Block. Mit den Jahren durchlaufen sie die Ränge - bis Peter Fischer auf der Haupttribüne ankommt.

1999: die Eintracht liegt am Boden. Damals wird Fischer von den Verantwortlichen beauftragt, einen neuen Präsidenten zu finden. Das gelingt ihm nicht. In einer der unzähligen Sitzung wird Fischer dann mitgeteilt: "Wir sind uns einstimmig sicher, dass Du der richtige Präsident für uns bist." Er habe sich "völlig perplex" eine Bedenkzeit erbeten und durchgesetzt. "Der Sucher Fischer ist die beste Option" - "ich konnte mir das alles nicht vorstellen..." Er hat seine Kumpels befragt. "Mache es, habe ich ihm gesagt", erzählt Mike Kuhlmann. Er hat es gemacht. Damals im Sommer 2000 läuft nichts am Riederwald. Ein halbes Jahr später entlässt er Trainer Felix Magath ("eine schwierige Zeit"). Die Mitgliederzahl bewegt sich bei 4.600.

Heute, 20 Jahre später, begeistert die Eintracht, tourt durch Europa und holt den DFB-Pokal zurück an den Main. Sogar ein eindrucksvoller Kinofilm wird produziert. Der Streifen zeigt, was den Verein heute ausmacht. Es sind die Emotionen und die Liebe, die Fischer als Präsident vorlebt. Zwei Dinge seien entscheidend für diese Entwicklung: Die Ausgliederung der Profiabteilung in eine AG (die Mehrheiten der Aktien sind bei der Eintracht) und die Gründung der Fan- und Förderabteilung. Fischer holt die Fans ins Eintracht-Boot. Bei der Wiederwahl im Jahr 2018 wählen sie ihn mit über 99 Prozent.

Der zweifache Familienvater liebt seine Eintracht - dazu zählen inzwischen über 50 Sportarten in 18 Abteilungen. "Frisbee ist eine total coole Sache. Wenn ich mir eine Sportart aussuchen dürfte, dann Darts. Da musst Du Dich am wenigsten bewegen", lacht Fischer, der sich bei den vielen Sportlern mit dem Adler auf der Brust so oft es geht blicken lässt. Die Mitgliederzahl wächst täglich: die 100.000er-Marke ist nicht mehr weit entfernt. Aktuell sind es über 89.000.

Wie geht es mit dem Fußball und der Eintracht weiter?

Jetzt wird Fischer in dem knapp 90-minütigen Gespräch noch emotionaler und legt richtig los: "Es wird eine Menge Änderungen geben, die dem Fußball nicht guttun", sagt Fischer und meint damit unter anderem die Zockerei bei Spielansetzungen. Über diese Entwicklungen könne man stundenlang diskutieren: er beschränkt sich an diesem Abend aber lieber allein auf die SGE.

Bei der Eintracht setzen sie auf die Fans. "Wir sind ein klassischer Traditionsverein - seit 1899", sagt Fischer. Die Commerzbank-Arena soll bald rund 60.000 Zuschauern Platz bieten. "Wir erweitern nichts, außer den Stehplatzbereich", sagt der Präsident unter dem Applaus der Fans in Oberrodenbach. "Kauf doch mal bei uns ein Ticket für ein Fußballspiel - viel Glück", macht er deutlich, dass die Nachfrage der Fans riesig sei. Das Stadion ist regelmäßig ausverkauft, außer es kommen Vereine, die solch eine ausgeprägte Fanszene nicht haben. "Die Auswärtsfahrer aus Wolfsburg passen in einen VW, in einen Golf 1", haut Fischer einen seiner Sprüche raus - dafür lieben sie ihn auch.

"Ich durfte mich mit Fußball infizieren"

"Ich durfte mich mit Fußball infizieren, ich durfte die Fußballkultur und die Emotionen bei den Auswärtsfahrten erleben", schwärmt der SGE-Präsident von seiner Zeit, als er mit seinen Kumpels viel unterwegs war und nicht im Traum daran dachte, einmal der Präsident dieses Vereins zu werden. "Ich habe dreckige Lieder gelernt und dass es auf Auswärtsfahrten keine Pinkelpausen gibt." Ihn wurmt es, dass das Stadion nicht genügend Platz bietet. "Ich muss doch den jungen Leuten für diese Freude und den Spaß an diesem Sport ein Angebot machen", sagt Fischer. Sie will er ins Stadion holen. Die junge Generation soll die Zukunft des Vereins, sprich: des Fußballs, sichern.

"Denkt dran: bleibt bunt, wir sind mehr", mit diesem Appell beendet Peter Fischer das unterhaltsame Gespräch im Schützenhof. Seine Fans klopfen ihm auf die Schulter, zeigen gemeinsame Fotos und machen natürlich Selfies. Peter Fischer ist einer, der das Herz am rechten Fleck hat, der seine Emotionen zeigt, damit auch aneckt, aber eben authentisch ist. Das lieben sie. Typen wie er braucht es im Fußball, sonst bleiben die Kurven irgendwann leer. "Los Peter, wir fahren jetzt, sonst erfriere ich", ruft sein Kumpel Mike, während der Präsident mit den Fans vor dem Schützenhof fachsimpelt. Draußen ist es kalt, ums Eintracht-Herz herum aber umso wärmer. "Ja gleich, ich will mich aber erst noch verabschieden..." So ist er, der Peter Fischer. (Hans-Hubertus Braune) +++

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