GELNHAUSEN

Rock-Two-Slum am Traumstrand: Familien haben nichts zu Essen

Grace Kasyoka (Mitte) bei der Übergabe der Essenspakete mit Stephanie Musomba (rechts) und der Sprecherin des Rock-Two-Slums, Mwana Rusi - Fotos: privat


Freitag, 16.10.2020

Traum und Alptraum liegen in Kenia viel enger beisammen als bei uns im Main-Kinzig-Kreis. Nur einen Steinwurf von den paradiesischen Hotels entlang des weltberühmten Diani Beachs am Indischen Ozean liegt Rock Two. Ein Slum, in dem all diejenigen leben, die auf einige Krumen vom großen Kuchen des Tourismus hoffen. Darunter auch Grace Kasyoka und Pauline Ndanu. Die beiden Mütter haben inmitten des strengen Lockdowns wegen der Corona-Pandemie nichts mehr zu Essen für ihre Kinder. Der Gelnhäuser Verein „Wir helfen in Afrika“ leistet Soforthilfe.

Grace Kasyoka sitzt vor ihrer Hütte, als sie Peter Musomba vom Gelnhäuser Verein „Wir helfen in Afrika“ besucht. Eigentlich ist um diese Zeit am frühen Nachmittag schon viel los bei ihr. Sie betreibt eine kleine Kneipe für die Slumbewohner. Die ist eigentlich illegal – so wie die gesamte Siedlung. Sie sichert ihr aber zumindest ein kleines Einkommen. Etwa 500 Menschen leben in Rock Two in einfachsten, oft aus Plastikplanen gezimmerten Hütten. Glücksritter aus dem gesamten Land spült es an die Küste. Jeder will etwas vom Tourismus abhaben, der großen Goldgrube des Landes.

Seit dem Lockdown aber finden die Menschen hier keine Arbeit mehr. Sie waren die ersten Leidtragenden des Lockdowns. Denn niemand hier hat eine feste Anstellung. Sie alle sind Tagelöhner. Seit Monaten gibt es nichts mehr zu tun in den großen Hotels. Und so fehlt auch das Geld, um bei Grace Kasyoka einen Schluck des Selbstgebrauten zu trinken. Das letzte Essen, das Grace am vergangenen Abend für für ihre beiden Kinder, zwei und vier Jahre alt, zubereitet hat, bestand aus gekochtem Mais. „Dazu gab es keine Bohnen“, erklärt Peter Musomba. Mais alleine ist nicht sehr gehaltvoll. „Außerdem sind die Körner selbst lange gekocht noch sehr hart und darum für die Kinder kaum essbar.“ Grace Kasyoka ist verzweifelt. „Sie schämt sich sehr. Sie selbst hat nie eine Schule besucht. Eigentlich will sie alles tun, damit es ihren Kindern einmal besser geht als ihr. Nun aber hat sie nichts mehr außer ihrer kargen Hütte.“ Und selbst die gehört ihr nicht. "Die ganze Siedlung ist illegal. Wenn der Landbesitzer andere Pläne hat, kann er den gesamten Slum von heute auf morgen räumen lassen."

Pauline Ndanu mit ihren beiden Kindern an der kalten Feuerstelle vor ihrer Hütte

Pauline Ndanu mit ihren beiden Kindern an der kalten Feuerstelle vor ihrer Hütte

Dieses Schicksal droht auch Pauline Ndanu jeden Tag. Seit ihrer Scheidung lebt sie im Slum. Für mehr reicht es nicht. Da sie seit Monaten keine Arbeit hat, bettelt sie auf den Straßen von Ukunda, um für ihre zwei Kinder überhaupt etwas auf den Teller zu bekommen. "Als wir sie besuchten, war die Feuerstelle kalt. Da wurde schon einige Tage nichts mehr gekocht", berichtet Peter Musomba. Ihr und Grace Kasyoka hilft er mit 200 Shilling, etwa zwei Euro. "So können die beiden Frauen zumindest für wenige Tage etwas zu Essen kaufen."

Sie und einige andere Familien aus Rock Two haben am vergangenen Samstag jeweils ein großes Essenspaket des Gelnhäuser Vereins erhalten. Insgesamt verteilten Peter Musomba, seine Frau Stephanie und einige freiwillige Helfer mehr als 20 Tonnen Lebensmittel im Kwale District. Diese Aktionen sind inzwischen fast Routine für Musomba. „Trotzdem war es diesmal anders als in den Wochen und Monaten zuvor“, erzählt er freudig. Denn der strenge Lockdown für die Schulen soll gelockert werden – eine freudige Botschaft. Für ausgewählte Jahrgänge beginnt der Unterricht noch im Oktober. Dafür sind einige Vorkehrungen nötig – etwa Fiebermessgeräte für jede Schule, Maskenpflicht und strenge Hygieneauflagen. „Das ist ein kleines Zeichen der Hoffnung auf eine baldige Normalisierung“, sagt Peter Musomba. Die Fallzahlen in Kenia sind relativ niedrig, die Sterblichkeit vergleichsweise gering. Der Lockdown aber war und ist um ein Vielfaches strenger als in Deutschland.

Durch die Hilfe von

Durch die Hilfe von

Die meisten Jahrgänge werden erst im Januar in die Schulen zurückkehren. Darum hält der Verein aktuell weitere Lebensmittellieferungen für sehr viele Familien für überlebenswichtig. "Ohne Schulspeisung fehlt vielen Kindern bis mindestens Ende des Jahres die Hauptmahlzeit. Diese Lücke müssen wir noch immer schließen", sagt Peter Musomba. Deshalb wird er auch im November wieder unterwegs sein, um für Menschen wie Grace Kasyoka, Pauline Ndanu und die vielen Familien von Schulkindern, die noch nicht wieder zum Unterricht dürfen, zumindest einmal am Tag eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bekommen.

Wer ihn und das Gelnhäuser Team von „Wir helfen in Afrika“ unterstützen will, kann dies mit einer Spende an den Verein "Wir helfen in Afrika". Mehr im Internet unter der Adresse www.wirhelfeninafrika.de. (Stephan Kümmel) +++

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