SINNTAL

Im Jossgrund jetzt ressourcenorientiertes Stressmanagement

Klaus Ziegler - Fotos: Walter Dörr

Freitag, 09.08.2019
von Walter Dörr

Der Landgasthof „Jossgrund“ in Jossa hat eine gastronomische Tradition seit 1909. Vor 110 Jahren gründete Heinrich Müller den Familienbetrieb. Über Ludwig Zeller und Waldemar Zeller haben 2004 Frank und Maike Zeller den Landgasthof übernommen. Durch den zusätzlichen Bau eines separaten Hotels in 2005 wurde nicht nur das Zimmerangebot erhöht, es kamen für Familien- und Firmenfeste Feiersäle, klimatisierte und mit entsprechender Technik ausgestattete Tagungs- und Meetingräume, Kegelbahnen und zum Entspannen ein Wellness-Bereich mit Saunen, Solarien und der Möglichkeit für Massagen hinzu. 

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums stellten die Zellers mit Unterstützung zahlreicher Helfer einen Guinness-Weltrekord mit dem längsten Schnitzel (96,70 Meter) und aus Anlass des Jubiläums „25 Jahre Bikerhotel“ im Zeller'schen Schnitzelkraftwerk einen Rekord mit einem 22,22 Meter langen Cordon Bleu auf. Die Gastfreundschaft und einen besonderen Tourismus-Aspekt für Sinntal bietet eine neue Gesundheitsförderung als ein überregionales Angebot. Trainings für das ressourcenorientierte Stressmanagement und Stresskompetenz-Trainings zur Lust auf mehr Gelassenheit veranstaltet der Landgasthof Jossgrund zusammen mit dem Diplom-Soziologen Klaus Ziegler. Unser Mitarbeiter Walter Dörr sprach mit Klaus Ziegler.

Herr Ziegler, Sie sind zum Thema Stress als Präventionstrainer tätig. Was ist Stress?

Stress ist zunächst eine natürliche Reaktion. Auch Tiere erleben Stress. Es ist eine Art Alarmreaktion des Körpers. Wenn Lebensgefahr droht, versetzt sie uns von jetzt auf gleich in höchste körperliche Leistungsbereitschaft. In dieser Situation beobachten wir bei Tieren das Flucht- oder Angriffsverhalten als Überlebensstrategie. Das hat auch dem Menschen zu Urzeiten wertvolle Dienste erwiesen.

Was passiert da im Körper?

Das Wichtigste ist die starke Anspannung der Muskulatur, weil wir Kraft brauchen, entweder zum Weglaufen oder zum Verteidigen. Alle weiteren Körperfunktionen die wir benötigen, werden wie aus einem Reflex spontan und extrem mobilisiert: Die Atmung wird schneller, damit Herz und Kreislauf stärker arbeiten können. Alle Energiereserven werden aktiviert, wodurch vorübergehend die Cholesterinwerte steigen. Das Immunsystem und die Verdauung werden heruntergefahren, um die gesamte Energie für Kampf oder Flucht zur Verfügung zu haben. Höchste Aufmerksamkeit fokussiert die Gedanken auf einen Punkt: den Stressauslöser. Es entsteht eine Art Tunnelblick und wir sehen keine alternativen Lösungswege. Es leuchtet ein, dass dieses extreme Leistungsniveau nur für eine kurze Dauer aufrecht erhalten werden kann.

Und was geschieht danach?

Danach melden sich die Erschöpfung und das starke Bedürfnis nach Erholung.

Was sollte man dann tun?

Da im Dauerstress die beschriebenen Effekte potentiell krank machende Folgen haben (Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte, Übergewicht…) sollte man durch körperliche Bewegung die aktivierte Energie abbauen. Außerdem ist alles hilfreich, was für uns Erholung ist: Sport, Geselligkeit, Hobby, Familie, kulturelle Veranstaltungen, Aktivitäten mit Freunden - das ist individuell. Jeder weiß, was ihm Spaß macht. Entscheidend ist, dass man es sich erlaubt und sich Zeit dafür nimmt.


Und reden über den Ärger, den Stress der mich belastet?

Das natürlich auch. Das darf aber nicht zu lange sein, und der Gesprächspartner muss ein offenes Ohr haben und Verständnis zeigen. Sonst bleiben diese Gespräche unbefriedigend und lassen uns weiter in unserem Frust. Ein häufiges Problem von Stressgeplagten aber ist, dass Sie lieber weiterarbeiten oder sich in der Freizeit wie bei der Arbeit verhalten.

Sie meinen den Freizeitstress?

Richtig. Die Erschöpfungssignale werden ignoriert oder nicht wahrgenommen. Somit gönnt man sich auch keine Pause und macht weiter, bis zur nächsten Stufe der Körpersignale: Chronische Muskelschmerzen, hoher Blutdruck, Nervosität, Schlaflosigkeit und mehr. Wer jetzt immer noch auf Leistung setzt, riskiert seine Gesundheit, körperlich und psychisch.

Deshalb kann Stress Ursache für vielerlei Krankheiten sein?

Kann, muss es aber nicht. Es gibt auch viele andere Ursachen für Beschwerden oder Krankheiten. Weil aber Stress eins unserer Top-Volksleiden ist, ist die Frage nach Stress im Alltag immer sinnvoll.

Lebensbedrohliche Situationen sind doch heute sehr selten. Warum haben wir dennoch so viel Stress?

Lebensbedrohlich ist heute so gut wie nichts mehr. Es gibt keine wilden Tiere mehr, die uns fressen wollen. Aber dafür haben wir heute vieles, was wir als Bedrohung unserer Existenz empfinden.

Zum Beispiel?

Die Sicherheit im Leben, die berufliche Existenz, das berufliche „Überleben“, den Verlust des finanziellen Status, materieller Besitz, die Anerkennung um die man täglich „kämpfen“ muss. Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg und auch das Rentenalter können zum Stresserleben führen, weil es ein ganz anderes Leben ist, mit dem wir evtl. nicht umgehen können. Diese Umstände werden zu einer Bedrohung der bisherigen Existenz. All diese Bereiche haben viel mit Ansprüchen, Einstellungen und Bewertung zu tun, also dem, was wir für gut und richtig halten. Mit vielen dieser Denkweisen belasten wir uns selbst.

Was wäre so ein belastender Anspruch?

Der Anspruch, dass immer und alles sofort, schnell, gleichzeitig und perfekt gehen soll. Hier sind Hektik, Fehler, Stress und Erschöpfung vorprogrammiert.

Ein moderner Anspruch, den viele als „selbstverständlich“ empfinden ist es, immer erreichbar zu sein. Wer keinen Empfang hat, ist „draußen“: Er ist also raus aus der Gruppe, raus aus der Teilhabe, raus aus dem Leben. Dass ein abgeschaltetes Smartphone schlimmer und belastender empfunden wird, als ein permanent eingeschaltetes, zeigt, dass sich hier eine Abhängigkeit und Verlustangst entwickelt hat. Mit diesen Ansprüchen richten wir uns gegen uns selbst. Wir konstruieren unseren eigenen „Stress im Kopf“, ohne dass ein belastendes äußeres Ereignis - wie in den Urzeiten ein Säbelzahntiger - als Stressauslöser vorhanden ist.

Ist es auch eine Stress-Reaktion, wenn man in unserer schnelllebigen Zeit Beruf, Ehe, Familie und sein Lebensumfeld nicht auf die Reihe kriegt?

Alltäglich wiederkehrende Belastungen werden häufig morgens mit dem Wecker eingeläutet: Kinder wecken, versorgen, in den Kindergarten oder die Schule bringen, Fahrten zur Arbeit, mit PKW oder Bahn. Auf der Arbeit geht es weiter mit Über- oder Unterforderung, Verantwortung, Zeitdruck, oft verknüpft mit Unterbrechungen, (z.B. Telefon, E-Mail, Hinweise aus privaten social Media Gruppen - man will ja trotz allem wie gesagt immer erreichbar sein…), zu wenig oder falsche Pausen, Monotonie. Neben diesen sich täglich addierenden Belastungen gibt es keinen Platz für Außergewöhnliches. Das gehört aber auch zum Leben. Aus einer bestehenden Stressbelastung heraus werden dann z.B. unangenehme Nachrichten oder neue, außergewöhnliche Anforderungen als Oberstress empfunden („Das jetzt auch noch!“). So in etwa erleben es viele täglich.

Es ist verständlich, wenn man nach so einem Tag abends keine Lust mehr auf etwas hat, das eigentlich Spaß macht. Man kommt mit der schlechten Laune nach Hause, und will nur noch seine Ruhe. Das darf natürlich mal sein, aber so verschafft man sich keinen Ausgleich, keine Erholung vom Stress, und ohne körperliche Aktivität werden die noch vorhandenen Stresshormone und die bereitgestellte Energie nicht abgebaut, sondern lagern sich im Körper ab. Was sich in hohen Cholesterinwerten, Bluthochdruck, Nervosität, Schlaflosigkeit, erhöhter Blutdruck, Muskelverspannungen oder Magenproblemen ausdrücken kann.

Maike und Frank Zeller
Maike und Frank Zeller
Straßenansicht des Landegasthofs Jossgrund
Straßenansicht des Landegasthofs Jossgrund

Haben Sie Tipps für eine schnelle Hilfe, wenn ich merke, dass die Stressreaktionen in mir zu stark werden?

Nach der Arbeit kann es helfen erst mal „Druck abzulassen“, um die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen. Vielleicht ist es möglich, den Weg zur Arbeit und nach Hause zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen. Mit Bewegung, Joggen, Walking geben Sie sich immer eine gute Möglichkeit zur Stressabfuhr und je mehr Stress sie „auf der Strecke lassen“, desto entspannter gehen sie nach Hause, zur Familie, in den Feierabend. Um sich schnell zu beruhigen, sind Atemübungen sehr bewährt. Dazu setzen oder stellen sie sich hin und konzentrieren sich auf Ihren Atem. Beeinflussen sie ihn nicht. Beobachten sie einfach eine Weile das Ein- und Ausatmen, wie es ganz von alleine geschieht. Wenn es möglich und angenehm ist, schließen sie dabei die Augen. Zum Beenden der Übung strecken sie sich kräftig. Oder sie schenken sich eine lösende Ablenkung: Sie setzen sich gemütlich hin, schließen sie die Augen, und verreisen mit ihren Gedanken zu einem für sie besonders schönen Ort. Wenn er vor Ihrem geistigen Auge entsteht, bewegen sie sich entspannt durch diesen Ort und versuchen ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu genießen. Zum Beenden der Übung strecken sie sich wieder kräftig.

Mit diesen schnellen Hilfen ist aber der Stress nicht bewältigt. Aber ich fühle mich wieder ruhiger, besser und kann nun mit der Anforderung stressfreier umgehen.

Sie arbeiten bei Stressbelastungen mit Präventionskursen, die von den Krankenkassen gefördert werden. Können Sie kurz erklären, was damit gemeint ist?

Die Krankenkassen haben gemeinsam eine Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP) eingerichtet. Diese Prüfstelle entscheidet, welches Kurskonzept als Förderung von Stressbewältigungskompetenzen anerkannt wird. Teilnehmer, die so einen Kurs besuchen, erhalten einen großen Teil der Kursgebühr erstattet.

Wie gehen diese Kurse vor?

Einige Konzepte beschäftigen sich direkt mit dem Phänomen Stress: Was ist Stress, wozu führt er, und wie kann ich mit meinem Stress besser umgehen? Hier werden Stressverursacher, Stressreaktionen und Wege zur Stressbewältigung individuell bearbeitet. Dann gibt es den Ansatz der Salutogenese aus der Gesundheitsforschung. Sie sagt, dass es einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Zufriedenheit und drei Dimensionen gibt, die jeder in seinem Leben gut ausgeprägt haben sollte.

Wenn nun jemand Interesse an einem Kurs hat, wie findet er den für sich richtigen?

Da kann man sich an seine Krankenkasse wenden. Die haben eine Datenbank zu allen Kursen und können schnell sagen welcher Kurs wann und wo stattfindet, und wie viel sie von den Gebühren erstatten werden.

Außerdem gibt es Kurse bei der Volkshochschule, ab Herbst übrigens auch wieder in Sterbfritz. In Schlüchtern bietet z.B. der Kneipp Verein ein Kursprogramm zum Thema. Acht oder zehn Wochen zu einem Kurs zu gehen, das kann zu einem organisatorischen Problem werden. Deshalb werden Präventionskurse zunehmend auch in komprimierter Form erstellt. Das hat für die Teilnehmer noch weitere Vorteile: Sie können die Kurse für zwei bis vier Tage in Wellnesshotels buchen und dort alle Annehmlichkeiten für einen Kurzurlaub nutzen. Die Kombination Wellness, Gesundheit und Kurzurlaub findet immer mehr Anklang. +++